Philosophie Magazin / 25.07.2025
Die politische Ideologie des Islamismus hat derzeit mächtig Konjunktur. Dabei ist sie, wie der völkische Faschismus, eine regressive Reaktion auf Freiheit und Unterdrückung zugleich. Sie meint, sich der „Herrschaft des Westens“ zu erwehren, doch bekämpft vielmehr jede Form von Emanzipation. Antisemitismus ist der ideelle Glutkern des vielgestaltigen Phänomens
Am 07. Oktober 2023, dem jüdischen Feiertag Simchat Tora, und 50 Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg gegen Israel, überwindet ein Killerkommando der Hamas die Sperranlagen des jüdischen Staates und tötet die Soldaten an der Grenze zu Gaza, um sich hernach durch den Süden von Israel zu morden. 1139 Menschen werden auf bestialische Weise getötet, zahlreiche Frauen werden gruppenvergewaltigt, auch Kinder aller Altersgruppen niedergeschlachtet. Die Opfer werden nicht als Israelis attackiert – sie werden als Jüdinnen und Juden ermordet.
Seit sie sich Ende der 80er-Jahre gegründet und eine Charta formuliert hat, strebt die radikal-islamistische Hamas die völlige Vernichtung des Zwergstaates Israel und seiner jüdischen Bevölkerung an. Auch wenn wohlmeinende westliche Beobachter immer wieder meinten, so schlimm werde es nicht kommen, und den antisemitischen Vernichtungsfuror als rhetorisches Beiwerk des „Befreiungskampfes“ lasen, hat die Hamas in Worten und Taten nie einen Hehl um ihre Kernabsicht gemacht. Ihre Charta beschwört einen Krieg gegen „die Juden“, der bis zur Auslöschung geführt werden soll – auch über die Causa Palästina hinaus. Betrachtet man indes das ideologische Gerüst der Hamas als Filiale der Muslimbruderschaft, kann 10/7 nur wenig überraschen.
1928 gegründet, und später aus Ägypten in die Welt exportiert, bildet die Vereinigung der Muslimbruderschaft den Nucleus jenes modernen Phänomens, das, oft mit dem Begriff „Islamismus“ bezeichnet, einen bunten Strauß an Gruppierungen umfasst. Diese sind teils miteinander verfeindet, und befinden sich zugleich in einer Frontstellung zum „Westen“ – wobei ihre Weltsicht von westlich-modernen antisemitischen Mythen durchformt ist.
Die Worte „Islamismus“ und „politischer Islam“ sind Signifikanten unscharfer Mengen. Die Diskurs-Explosion um das Sujet „Islamismus“ hat die Konturen schließlich vollends vernebelt. Da gibt es jene Kulturessenzialisten, die aus medinischen Suren zitieren und meinen, keine einzige Form des Islam sei vom Phänomen des Islamismus zu trennen, und zwar weil das Textwerk von Sunna und Koran das Politische dem Religiösen einverleiben würde. Eine Lesart, die dem Islamismus Schützenhilfe leistet, wenn sie seine Interpretation des Islam als dessen ewige Wahrheit vermeint. Denn auch wenn es stimmt, dass politische Momente aus Koran und Hadithen nicht getilgt werden können, ist deren genaue Form nicht kodifiziert. „Der Islam“ ist in theoretischer Hinsicht die Summe exegetischer Möglichkeitsräume. In der Praxis ist er das, was Muslime daraus machen – ein breites Panorama an Lebensentwürfen. Neben muslimfeindlichen Essentialsten gibt es möchtegernlinke Kulturrelativisten, die jede Kritik am radikalen Islamismus zur „orientalisierenden“ Anmaßung erklären, dessen Freiheits-, Frauen-, und Judenhass leugnen und dem antikolonialen Pathos aufgesessen sind. Noch der grausamste Auswuchs islamistischen Terrors wird als „authentische Kultur“ interpretiert, die sich subaltern und moralisch sakrosankt gegen westlichen Imperialismus behaupte.
Beide Extrempositionen liegen falsch – jene, die Islam und Islamismus grundsätzlich in eins setzt, und die, die an letzterem nichts anstößig findet. Was nun macht jene Ideologiefamilie aus, die hier in Ermangelung besserer Begriffe als „islamistisch“ bezeichnet werden soll?
Islamismus als Reaktion auf Freiheit und Unterdrückung
Islamisten sind trotz ihrer ideellen Schnittmengen mit ultrakonservativen Muslimen in aller Regel Reform-Ideologen, die weite Teile der langen Tradition islamischer Rechtsgelehrsamkeit verwerfen. Eben jene Tradition sei zutiefst korrumpiert, durch fremde Einflüsse marode geworden, das frühe Zersplittern der islamischen Gemeinschaft und ein gotteslästerliches Leben der Muslime hätten den geopolitischen Verfall der ursprünglich glorreichen Umma verschuldet. Deshalb müsse man vorwärts zurück, in der Matrix des Ursprungs die Zukunft codieren.
Das 19. und frühe 20. Jahrhundert, da der Westen die muslimische Welt kolonisiert, stellen für nicht wenige in der Region eine exorbitante Demütigung dar. Dabei sind es nicht nur Unterdrückung und Enteignung, nicht bloß die politisch-ökonomische Knechtschaft, in welche die Regionen des osmanischen Reiches während seines schleichenden Zerbröckelns geraten. Es ist auch die kulturelle Durchdringung der Lebenswelt, die Übernahme sogenannter westlicher Sitten durch einige muslimisch-urbane Milieus, die eine narzisstische Kränkung befördert und die islamistische Bewegung gebiert. Der Islamismus ist (wie der völkische Faschismus) eine regressive Antwort auf Freiheit und Unterdrückung zugleich; auf die janusköpfige westliche Moderne, die die Idee des autonomen Individuums und seiner persönlichen Befreiung im Gepäck hat – die Menschen aber dem Kapitalverhältnis ausliefert und das Gros der kolonisierten Subjekte darüber hinaus mit Zwang unterwirft.
In einer anderen Weltgegend, dem späteren Haiti, hatten bereits Ende des 18. Jahrhundert die Knechte der Kolonialmacht Frankreich rebelliert. Unter Führung des ehemaligen Sklaven Toussaint L’Ouverture beendeten sie die französische Herrschaft im Geiste der Französischen Revolution, die gerade im „Mutterland“ stattgefunden hatte, und gingen über diese bei weitem hinaus. So machten sie mit dem Gedanken Ernst, dass alle Menschen, nicht bloß Europäer, auf der Erde als Freie und Gleiche leben sollten. Fast anderthalb Jahrhunderte später in Ägypten bekämpft Hasan al-Bannā, der Gründer der Muslimbrüder, eben nicht bloß die koloniale Herrschaft der Briten. Es ist gerade die Idee der Befreiung des Subjekts aus dem starren Gehäuse einer ewigen Ordnung, die die Retrotopie einer Zeit provoziert, als die Gemeinschaft noch eins mit sich war, rein, und deshalb zum Siegen erkoren.
Der tunesisch-französische Psychoanalytiker und Islamismus-Experte Fethi Benslama beschreibt den „Wechsel vom Begehren ein anderer zu sein, hin zur Verzweiflung, man selbst sein zu wollen“:
In einer Sprache, die im Predigerton daherkam (…), errichteten die Islamisten einen monolithischen Islam, der unter keinem inneren Widerspruch leidet, spitzen den Gegensatz zwischen Islam und Westen zu und proklamierten das Projekt der Widerherstellung des Eigenen und Reinen, (…) durch eine andere Form der Unmittelbarkeit, nämlich den Zugang zur ursprünglichen Ganzheit der Politik. Es ist das Versprechen der Rückkehr in das goldene Zeitalter der Gründung des Islam, in der Ursprung und Befehlsgewalt im selben Prinzip, in den Händen des Propheten-Gründers-Gesetzgebers, dann in denen seiner vier Nachfolger, vereint waren; eine Zeit vermeintlich idealer Gerechtigkeit auf Erden, vor dem Fall in die Spaltung und den inneren Aufruhr (…), den die Gemeinschaft in der Folge erlitten hat.
Es ist al-Bannās Landsmann, der Ägypter Sayyid Qutb – zeitweise Mitglied der Muslimbruderschaft, neben dem jüngeren Yūsuf ʿal-Qaradāwī auf lange Sicht wohl wichtigster Denker der Bewegung und Ideenlieferant des politischen Islam über konfessionelle Gräben hinweg – der den „Verfallsbefund“ popularisiert. Im Rekurs auf Figuren wie den mittelalterlichen Gelehrten Ibn Taimiya, den Proto-Islamisten Raschīd Ridā und den Islamisten Abū l-Aʿlā Maudūdī formuliert Sayyid Qutb seine Ideologie. Der Gesellschaft unter Gottes Souveränität, die allein im goldenen Zeitalter geherrscht habe, in der Ära des Propheten und der ersten vier Kalifen, wird jene Gesellschaft gegenübergestellt, in der Menschen sich Souveränität anmaßen würden. Letztere herrsche nun überall dort, wo nicht ein streng islamistisches System nach Qutbs geistiger Bauart existiert. Bereits die Zeit der Umayyaden-Dynastie ab dem Jahr 660 nach Christus; mehr noch die Phase ab 750, da die Abbasiden das Kalifat bekleiden; schließlich die Epoche ab dem 13. Jahrhundert, da der „Mongolensturm“ Bagdad verwüstet; und in voller Form die Ära des Kolonialismus werden als Dschāhilīya interpretiert. Dieser Terminus bezeichnet in der alten Tradition die vorislamische heidnische Kultur, die auf der arabischen Halbinsel bestand. Wie schon Ibn Taimiya oder al-Maudūdī enthistorisiert Sayyid Qutb den Begriff und legt ihn als kollektiven Geisteszustand aus, in den die Umma nach dem „Golden Age“ zurückgefallen sei. Er tilgt somit ungefähr 14 Jahrhunderte islamische Geschichte und Rechtsgelehrsamkeit. In der Gegenwart aber müsse der Islam über den Dschihad wiederhergestellt werden; nicht nur gegen den westlichen Aggressor, sondern potenziell auch gegen jene Muslime, die es nicht verdienen als solche zu gelten – wie Nasser und die „Freien Offiziere“ in Ägypten. Die Scharia – oder besser, wie Qutb sie liest – ist das einzige Gesetz, das Gültigkeit hat und soll den Staat, die Kultur, die Gesellschaft durchherrschen:
Dschāhilīya bedeutet Herrschaft des Menschen über den Menschen oder vielmehr Unterordnung unter den Menschen, statt unter Gott. Es meint Ablehnung der Vollkommenheit Gottes und Liebesdienerei gegenüber Sterblichen. In diesem Sinne bezeichnet Dschāhilīya nicht nur einen bestimmten historischen Zeitabschnitt, sondern einen Zustand. Einen solchen Zustand menschlicher Verhältnisse gab es früher, gibt es heute und wird es vielleicht auch in Zukunft in Gestalt von Dschāhilīya, diesem Zerrbild und Todfeind des Islams geben. Immer und überall stehen Menschen vor der klar umrissenen Wahl: entweder das Gesetz Gottes als Ganzes zu befolgen oder die von diesem oder jenem Menschen aufgestellten Gesetze anzuwenden. Im letzteren Fall befinden sie sich im Zustand der Dschāhilīya. Der Mensch (…) muss sich entscheiden: Islam oder Dschāhilīya.
Der empfundene Niedergang der eigenen Größe wird als Resultat der Vermischung gelesen, als Ergebnis einer Erosion des angestammten Daseins, das durch das Fremde vergiftet worden ist – und deshalb zur Beute des Feindes verkommt. Die Rettung kann nur die radikale Rückkehr zum überzeitlichen Eigenen sein. Dieses psychologische Bewältigungsmuster ist schon bei Ibn Taimiya präsent, der – zur strengen hanbalitischen Rechtsschule gehörig – auch den puristisch-traditionalistischen Wahhabismus maßgeblich geprägt hat. Er erlebte den Sturz des Abbasiden-Kalifats 1258 durch die Mongolen und musste seine Heimatstadt Harran verlassen. Die Konversion der mongolischen Ilchane zum Islam empfand der Gelehrte als wenig authentisch und wand sich strikt gegen jede Vermischung mit der mongolischen Kulturtradition. Seine Geistesgenossen des 20. Jahrhunderts hauen in dieselbe Kerbe – der Abstieg hat demnach allein mit dem Abfall von der reinen und reinigenden Lehre zu tun.
Nun hat die Tatsache, dass die islamische Welt, gegenüber der christlichen ins Hintertreffen kam, komplexe historisch-politische Gründe. In der Frühzeit dem Christentum weit überlegen, wissenschaftlich, kulturell und militärisch obenauf, hat die „islamische Welt“ schon während des Mittelalters sukzessive an Macht eingebüßt. In der Neuzeit hat sie dem christlichen Europa nur selten etwas entgegenzusetzen. Dies aber liegt eher im Festhalten am Alten, als daran, dass man zu viel Neues integrierte. Der türkisch-amerikanische Ökonom Timur Kuran hat etwa gezeigt, dass das islamische Erbrecht die wirtschaftliche Entwicklung gehemmt hat. Jared Rubin hat das gleiche für das Zinsverbot erörtert. Auch im Christentum war der Kreditzins verboten, doch die Kirche hat irgendwann das Dogma gelockert – oder aber Juden zum Kreditgeschäft genötigt. So konnte sich im Westen Kapital konzentrieren, das dessen ökonomische Machtstellung bedingte. Auch die stärkere Verzahnung von Staat und Religion und das Verbot des Buchdrucks in arabischen Lettern durch den Osmanen-Sultan Bāyezīd II., das vom Jahr 1485 bis 1726 bestand, werden mitunter als Gründe genannt, die den Westen hegemonial werden ließen.
Atatürk in der Türkei und die Pahlawis im Iran folgten der Lesart, dass es gerade das Beharren auf der islamischen Rechtsordnung war, durch welche die Muslime das Nachsehen hatten. Übereifrig in die andere Richtung forcieren sie eine autoritäre westliche Modernisierung von oben, und versuchen, „den Islam“ aus der Gesellschaft zu verbannen. Qutb und Co. folgen dem anderen Extrem. Wie al-Maudūdī pointiert formuliert hat, liege die Tragödie eben darin begründet, dass der „wahre Islam“ als Gegenbild zum Westen nurmehr als sein eigener „Schatten“ existiere.
Fethi Benslama, dessen großes Projekt es ist, die Begriffe der Psychoanalyse auf den Kosmos seiner Herkunftsreligion zu übertragen, hat den Tropus vom „Übermuslim“ geprägt. Es gelte mehr, und immer noch mehr muslimisch zu sein, den Islam mithin zu verabsolutieren, das Politische komplett ins Religiöse aufzuheben. Die politische Ideologie des Islamismus sei so ihrem Wesen nach antipolitisch, da die Menschen sich nicht selbst ihre Ordnung geben dürfen. Jede Form von positivem Recht ist verboten, die demokratische Selbstgesetzgebung des Volkes ist mit der Herrschaft Allahs nicht kompatibel. Gottesstaat und Sakralisierung des Seins sind die Möglichkeitsbedingung auch politischer Größe.
Als Verursacher der Dekadenz werden bei Qutb wie im (neu)rechten Denken „die Juden“ ausgemacht. Sie gelten als Medium des Liberalismus; als das personifizierte Gesicht der abstrakten Herrschaft des Kapitalismus; als Prinzip der „Entartung“ gemeinschaftlicher Ordnung.
„Die Juden“ als dunkles Prinzip der Moderne
Wie kommt es, dass die Ideologie des Islamismus ihre Feindschaft gegen die „westliche Kultur“ mit westlichem Antisemitismus grundiert?
Der dezidiert verschwörungsmythologische Charakter des okzidentalen Hasses auf die Juden, spielte im Islam lange Zeit keine Rolle. Der altislamische Blick auf die Juden unterscheidet sich deutlich von jenem der Christen. Während die älteren zu Mekka offenbarten Passagen von Juden respektvoll und anerkennend sprechen, enthalten jene in Medina entstandenen Suren und das ein oder andere tradierte Hadith zwar durchaus ein „jüdisches Sündenregister“, wie der Forscher Abdel Hakim Ourghi formuliert. Und zwar deshalb, weil das textliche Material in einer historischen Phase entsteht, da sich die jüdischen Stämme Medinas Mohammeds Herrschaftsanspruch verweigern. Die Erzählung von der „jüdischen Weltverschwörung“ aber hat eine dezidiert christliche Textur. Während die islamische Geistes-Tradition die im Kampf um Medina unterlegenden Juden als tendenziell schwach und feige beschrieb, hat das Christentum die älteren Brüder schon in seiner Frühphase dämonisiert. Schließlich sollten sie für den Verrat und die Kreuzigung Christi verantwortlich sein. Im Christentum haben die Juden den Propheten, im Islam der Prophet die Juden umgebracht, wie Matthias Küntzel sich ausgedrückt hat – was ein gänzlich anderes Judenbild bedingte.
In Folge des ungeheuren Vorwurfs vom Gottesmord phantasierten die Kirchenväter „den Juden“ zur gleichsam übermächtigen Gestalt, die fortan als ewiger Sündenbock diente. Die Phantasmen des christlichen Antijudaismus – vom Ritualmord an Kindern bis zur Brunnenvergiftung – spielten im islamischen Raum zunächst keine Rolle. Da die Christen als jüdische Sekte begannen, haben sie sich noch stärker als der jüngere Islam am Quellmonotheismus abarbeiten müssen.
So sind die antijüdischen Passagen des Korans über weite Strecken der islamischen Geschichte vergleichsweiseweniger wirksam geworden als der Antijudaismus der christlichen Kultur. Die Jüdinnen und Juden des islamischen Mittelalters wurden – wie die Christen als Schutzbefohlene geltend – zwar ebenfalls systematisch diskriminiert, tendenziell aber doch etwas besser behandelt, als in den vom Christentum beherrschten Regionen. Dort, wo die Pogrome sich aneinanderreihten und der Judenhass als abgelagerte Geschichte schließlich in Massenvernichtung kulminierte. Als sich der christliche Antijudaismus in den biologistischen Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts übersetzte, wirkten die sedimentierten Narrative mit neuen „aufgeklärten“ Vorzeichen fort.
In der Ära des Kolonialismus nun wird der Verschwörungsantisemitismus in die muslimische Welt exportiert. Der Ritualmordvorwurf wird 1840 erstmals im osmanischen Reich vernommen und provoziert eine Reihe von Pogromen an Juden. Bald werden antisemitische Pamphlete in die arabische Sprache übersetzt. Und doch wird jenes „Gerücht über die Juden“, wie Adorno den Antisemitismus genannt hat, erst deutlich später zum Massenphänomen, stößt anfangs vielfach auf Kritik von Muslimen. Selbst die Nazis scheitern zunächst mit dem Projekt, ihren völkischen Vernichtungsantisemitismus in der arabischen Welt zu verbreiten, da die Menschen dort dem biologistischen Irrsinn in aller Regel nichts abgewinnen können. Die NS-Propaganda erkannte indes bald, dass antijüdische Ressentiments nur theologisierend verwurzelt werden konnten. Seit den späten 1930er-Jahren sendeten die Nazis aus dem brandenburgischen Zeesen antisemitische Rundfunkpropaganda in arabischer, persischer und türkischer Sprache in weite Teile der islamischen Welt. Die vom Historiker Jeffrey Herf ausgewerteten Sendeprotokolle zeugen von einer perfiden Verschmelzung der antijüdischen Quellen des Islam mit den antisemitischen Motiven des Westens. Eine unrühmliche Rolle bei der Implementierung des Antisemitismus im arabischen Raum spielte der palästinensische Mufti und Hitlerverehrer, Amin al-Husseini, der die Propaganda von „Radio Zeesen“ inbrünstig und federführend mitgestaltet hat. Im Jahr 1943 schreibt Heinrich Himmler, Reichsführer SS, seinem Freund, dem Mufti, einen aufwartenden Brief, und erklärt „die Bewegung“ verfolge schon immer mit besonderer Sympathie den Kampf der freiheitsliebenden Araber, vor allem in Palästina, gegen die jüdischen Eindringlinge.
Mit Hilfe von Leuten wie Amin-Al-Husseini und dem Gründer der Muslimbrüder Hasan al-Bannā lancierten die Nazis über Jahre hinweg einen religiös angepassten Antisemitismus, der sicher nicht nur, aber auch aus diesem Grund in vielen muslimischen Ländern präsent ist. Und mitnichten bloß Folge, sondern ebenso Ursache des persistierenden Nahostkonflikts ist.
Der Antisemitismus wird zu einem Leitbild der islamistischen Muslimbruderschaft, die ab den 1930er-Jahren immer mehr zur Massenbewegung avanciert; und deren totalitäres Gesellschaftsmodell nicht zufällig zur gleichen Zeit konstruiert wird, da der Totalitarismus in Europa Konjunktur hat, wie unter anderem Stephan Grigat erklärt. Genau wie Faschismus und NS-Ideologie strebt der Islamismus einen „dritten Weg“ neben Kapitalismus und Kommunismus an. „Der Jude“ gilt den Rechten und den Islamisten als Verursacher beider Großideologien, als Menschheitsfeind und Gegenprinzip, als personifiziertes Gift der Moderne, als Zersetzer der Einheit von Umma und Volk.
Dabei ist es manchmal auch die technische Moderne, die einen reaktiven Unmut provoziert, doch mehr noch die gesellschaftliche Emanzipation. Auch „Technik“ gilt mitunter als gemeinschaftserodierend, wird aber zur Machtausübung dringend benötigt. Das Moderneverhältnis bleibt ambivalent. Rechte, genau wie islamistische Akteure kämpfen mit hochmodernen Organisationsformen, militär- und medientechnologisch versiert, gegen die im emanzipierten Juden und der autonomen Frau symbolisierte Moderne.
Zwischen den Denkern beider Ideologien, gibt es auch intertextuelle Bezüge. Dschalāl Āl-e Ahmad und Ali Schariati, zwei Vordenker der islamischen Revolution im Iran, nutzen Begriffe wie „Verwestgiftung“ und zitieren westliche Verächter des Westens, wie Ernst Jünger und Alexis Carell. Der deutsche, rechte Historiker Ernst Nolte, der einst den Historikerstreit angestoßen hat, in dem er den Holocaust als bloße Reaktion auf die „asiatische Tat“ der Gulags definierte, spricht in ähnlichem Duktus von „Okzidentose“ und begeistert sich in einem seiner jüngeren Bücher für den „Islamismus als dritte radikale Widerstandsbewegung“. Er affirmiert den Bericht des NS-Propagandisten Giselher Wirsing aus den 30er-Jahren, der beschrieben habe, wie er in einem Café…:
…neben weißbärtigen Arabern gesessen habe, die in großer Reihe ihre Wasserpfeife rauchten, und dass plötzlich eine Gruppe junger zionistischer Siedler vorbeigekommen sei: junge Männer und Frauen in leichter Bekleidung, plaudernd und lachend, ihr Arbeitsgerät auf den Schultern. Die arabischen Greise hätten sich höchst befremdet, ja fassungslos gezeigt. (…) Für sie stellten diese jungen Zionisten ein Musterbild alles dessen dar, was befremdend und hassenswert an der Moderne war.
Von jüdisch induzierter „Okzidentose“ ist auch der Islamist Sayyid Qutb überzeugt. 1948 geht Qutb zwecks Studien für zwei Jahre in die USA. Sein Kontakt mit der US-Amerikanischen Gesellschaft verstärkt seinen Hass gegenüber „dem Westen“; dies in Verbindung mit der Staatsgründung Israels verhärtet indes auch seinen Antisemitismus. 1950 erscheint eine Abhandlung, die später zum Standardwerk diverser Islamisten von Kairo, über Riad bis nach Teheran wird. Die Schmähschrift „Unser Kampf mit den Juden“ ist eine Anklage gegen die moderne Gesellschaft und beschwört einen transhistorischen Krieg – die Juden hätten sich seit Mohammeds Zeiten gegen die Gemeinschaft der Muslime verschworen. Seit beinahe 14 Jahrhunderten nun versuchten sie die angestammte Identität, die von alters her festgefügte Lebensform der Wir-Gruppe, auf hinterhältige Weise zu zersetzen. Auch die Lehren von Karl Marx, Sigmund Freud und Emile Durkheim, die den frommen Glauben, die sexuelle Sittlichkeit und nicht zuletzt die familiale Ordnung erodiert hätten, werden als jüdische Machenschaft gelesen. Qutb macht dies unumwunden deutlich, wenn er schreibt:
Hinter der Doktrin des atheistischen Materialismus steckte ein Jude; hinter der Doktrin der animalistischen Sexualität steckte ein Jude und hinter der Zerstörung der Familie und der Erschütterung der geheiligten Beziehungen (…) steckte ebenfalls ein Jude.
Sayyid Qutb zieht alle Register des modernen Verschwörungsantisemitismus, und geißelt die Juden als Feinde der Muslime, aber auch der Christen und der Menschheit im Ganzen. Seine beflissenen Schüler von Chomeini bis Hamas werden besagte Motive übernehmen und wie Qutb die islamische Erzählung über Juden mit dem aus dem Christentum heraus gewachsenen modernen Antisemitismus verschränken. Textfragmente aus Hadithen und Koran werden von Hamas auf Augenhöhe mit Passagen aus dem Propagandatext „Die Protokolle der Weisen von Zion“ bemüht. Durch ihren Reichtum seien die Juden in der Lage, die globale Medienlandschaft zu beherrschen; Revolutionen und Kriege anzustacheln. Wie im Antisemitismus als Allerklärung üblich, werden komplexe historische Prozesse als willentliche Handlungen der Feindgruppe gelesen. Kontingenz wird durch Personalisierung beseitigt. Die französische wie die kommunistische Revolution, der Erste wie der Zweite Weltkrieg, der Kapitalismus wie der Kommunismus, werden den Juden auf ihr Schuldkonto geschlagen. Auch für Imperialismus und Kolonialismus seien sie vollends verantwortlich zu machen. Außerdem, so heißt es in der Charta der Hamas:
…regten (Sie) die Errichtung der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrates an, um (…) die Welt mit Hilfe ihrer Mittelsmänner zu beherrschen.
„Die Juden“ und das zionistische Projekt – so erklären es die Forscher Klaus Holz und Thomas Haury – stehen im islamistischen Antisemitismus, genau wie bei alten und neurechten Nazis, für das Universale und Auflösende. Sie werden als Anti-Volk phantasiert, das für sich selbst nicht lebensfähig sei, sondern für seinen Parasitismus ein vormals gesundes Wirtsvolk befällt. Mit der Formel von klandestiner Herrschaft und Zersetzung – die im klassischen Islam keine Grundlage hat – konnten nicht nur die diversen verlorenen Kriege der arabischen Heere gegen Israel erklärt werden. Islamisten haben hiermit auch eine Begründung für Zwistigkeiten innerhalb der Umma parat. Für die türkisch-islamistische Bewegung Millî Görüş, oder für die Muslimbruderschaft in Ägypten, werden die mäßig religiösen eigenen Eliten zuweilen auch als Krypto-Hebräer phantasiert. Da gelten Figuren wie Atatürk und Nasser mitunter als Agenten des „Weltjudentums“. Denn der Islamismus kämpft zuvörderst gegen jene Muslime, die vom rechten Weg abgekommen seien; und gegen die Regierungen, denen man vorwirft, die schändliche Trennung von Staat und Religion aus dem dekadenten Westen übernommen zu haben. Und doch: Trotz seiner Front gegen die „jüdische Moderne“, und die vermeintlich korrumpierten Muslime, trotz der Abneigung von türkisch-islamistischen Gruppierungen gegen kemalistisch-laizistisches Gedankengut und der langjährigen Fehde der Muslimbruderschaft mit dem staatssozialistisch übertünchten panarabischen Nationalismus, ist der Islamismus selbst „vom Westen“ durchdrungen. Sein Kollektiv-Subjekt ist keineswegs eindeutig bestimmt. Das aus dem Westen adaptierte Konzept der Nation steht in Spannung zum Konzept der muslimischen Gemeinschaft. Nicht nur das faschistisch-islamistische Konzept der „türkisch-islamischen Synthese“ zeugt davon, dass hier eigentlich konträre Ideen verschmelzen. Auch die Hamas will den islamischen Gottesstaat und die Nation Palästina zugleich. Abgesehen vom Rumpfkalifat des IS, dessen beanspruchtes Herrschaftsgebiet quer zu den kolonialen Grenzen verlief, kaprizieren sich auch viele islamistische Akteure auf ethnische und nationale Zugehörigkeiten. Mit Blick auf den modernen Antisemitismus harmoniert die islamistische Erzählung ohnehin mit dem klassisch-nationalistischen Topos. Der Jude gilt in beiden Narrativen als Zersetzer.
Ein vielgestaltiges Phänomen
Auch wenn sich der Nationalismus der panarabischen Führungsfigur Gamal Abdel Nasser in der Feindschaft gegen den jüdischen Staat kaum von der Muslimbruderschaft unterschied, standen beide Bewegungen im 20. Jahrhundert in einer harten Konkurrenz zueinander. Schon zu jener Zeit, da Ägypten noch eine konstitutionelle Monarchie war, leisteten sich die Muslimbrüder Kämpfe mit den Vertretern der Staatsmacht. Ende 1948 wird der ägyptische Premierminister an-Nuqrashi Pasha von einem Mitglied der Muslimbrüder liquidiert. Sechs Wochen später folgt die Retour, der Gründer der Bruderschaft, Hasan al-Bannā, fällt einem gezielten Anschlag zum Opfer. 1952 putschen die Freien Offiziere und leiten die Ära des arabischen Nationalismus ein. Im Kampf gegen den Einfluss des britischen Imperiums zunächst mit Nasser und den seinen verbündet, entzweien sich die Muslimrüder mit den Militärs. Die Kaderpartei wird bald schon verboten, die Brüder werden in Ägypten verfolgt, der sich immer radikaler gebärdende Qutb wird 1966 erhängt. Das Verhältnis zwischen nationalistischen Akteuren und den Islamisten bleibt ambivalent. Auf Phasen harter Repression folgen Zeiten der Entspannung. Anwar as-Sadat, der Nachfolger Nassers, protegiert gar zeitweise die Muslimbruderschaft als Gegengewicht zu westlich-demokratischen oder kommunistischen Milieus in Ägypten. Auch in diversen anderen Ländern, in denen sich die Bruderschaft als Franchise etabliert, steht sie in einer vertrackten Beziehung zu nominell tendenzsäkularen Regimen. Das Spektrum reicht von offener Feindschaft (wie in Syrien) bis zu sichtbarer Einwirkung (wie in Ägypten). Sadat etwa gab der ägyptischen Verfassung ein stärker islamisches Gepräge als bislang. Trotzdem wurde er 1981 in Folge des ersten Friedensvertrages eines arabischen Landes mit Israel erschossen. Von einem radikalen Islamisten abgefeuerte Salven durchsiebten seinen Körper bei einer Militärparade. Auch wenn der Islamismus insgesamt bis in die 70er-Jahre hinein im Nahen und Mittleren Osten ein ideologischer Underdog blieb, wurde seit seiner Entstehung fleißig missioniert; und karitative Arbeit geleistet. Die Muslimbruderschaft und andere islamistische Gruppierungen haben sich in vielen Ländern nach und nach ein ökonomisch und gesellschaftlich prosperierendes und politisch einflussreiches Schattenreich errichtet.
Und der Einfluss Qutbs und anderer islamistischer Ideologen, wie dem späteren religiösen Führer der Muslimbrüder und Theoretiker des „Frérismus“ Yūsuf al-Qaradāwī, wirkt bis heute auch dort, wo die Muslimbrüder selbst keine Machtbasis haben. Auf der arabischen Halbinsel etwa verschmolz das Gedankengut der Muslimbrüder mit dem des Wahhabismus – mitunter vermittelt durch ägyptische Migranten. Diese in der Mitte des 18. Jahrhunderts ohne direkten Kontakt mit dem Kolonialismus entstandene puristische Form des Islam hat sich aus der ohnehin schon strengen hanbalitischen Rechtsschule entwickelt. Auch der Wahhabismus neigt dazu, einen Großteil der Muslime als ungläubig zu zeihen. Eng mit dem saudischen Königshaus verbandelt, propagiert er einen radikalen Monotheismus: Gräberwallfahrt und Heiligenkultus gelten ihm als Ausdruck von Vielgötterei. So erklärt sich nicht zuletzt seine innige Feindschaft mit der schiitischen Glaubensauslegung; die kultische Verehrung der schiitischen Imame als vermeintlich legitimen Nachfolgern Mohammeds gilt dem Wahhabismus als satanische Praxis. Die Schändung schiitischer Wallfahrtsgräber – so im Irak und in Saudi-Arabien – legt ein beredtes Zeugnis davon ab. Mit dem Phänomen des Wahhabismus verwandt, ist das, was gemeinhin Salafismus genannt wird. Dessen Genealogie ist nicht abschließend geklärt. Neben den Lehren des Wahhabismus selbst, der – so der Islamwissenschaftler Tilmann Seidensticker – auf innerislamischen Entwicklungen gründet, hat die nordindische Bewegung Ahl-i Hadīth, die dezidiert antikolonial orientiert war, auf den Salafismus Einfluss genommen.
Der Unterschied zum Wahhabismus liegt vor allem darin, dass die enge Verbindung zum Königshaus Saud von den Salafisten aufgekündigt wurde – nicht zuletzt ob der engen Verbindung der Saudis zu Briten und Amerikanern. Alle vier großen sunnitischen Rechtsschulen – selbst der strenge hanbalitische Madhhab – werden vom Salafismus abqualifiziert. Salafisten erachten allein den Koran, die Prophetentradition, sowie Glauben und Leben der „frommen Altvorderen“ als referenziell. Nicht alle Salafisten sind polit-aktivistisch oder gar gewaltsam-dschihadistisch orientiert, einige suchen den Weg zum Heil in radikaler Frömmigkeit des gläubigen Subjekts – und sind somit kaum als Islamisten zu bezeichnen. Mit Qutbs islamistischer Ideologie teilt der Salafismus seine abschätzige Haltung gegenüber der islamischen Rechtsgelehrsamkeit, die radikale Dschāhilīya-Diagnose, und die Projektion einer goldenen Ära. Auch die Ablehnung des Westens und der Mischung mit dem „Fremden“, sowie der damit gekoppelte Antisemitismus sind hier verbindende Ideologeme.
Das islamistische Modell des iranischen Regimes ist ebenfalls mit Qutbs Denken Schwanger gegangen – während es sich gleichzeitig mit Wahhabismus und Salafismus auf Kriegsfuß befindet. Die 12er-Schiitische Revolutionsideologie hat mit Qutbs Verfallsbefund naturgemäß keine Probleme. Denn nach schiitischer Auffassung ist die sunnitische Geschichtsschreibung ohnehin eine einzige Anmaßung. Allein Ali, der vierte unter den Kalifen, seines Zeichens Schwiegersohn und Vetter des Propheten, wird als dessen statthafter Nachfolger gehandelt; und hätte eigentlich der erste sein müssen. Im streng dynastischen Nachfolgedenken, das alle Strömungen der Schia verbindet, gilt Ali denn auch als erster Imam (das schiitische Spiegelbild sunnitischer Kalifen, dem aber in deutlichem Gegensatz zu diesem, übermenschliche Merkmale eignen). Seine Söhne, Hasan und Hussein, sind die Imame Nummer Zwei und Nummer Drei. Danach verengt sich das Imamat als Vermittlungsinstanz zwischen Gott und den Menschen strikt auf die husseiinidische Linie. Die sunnitischen Anführer seit den Umayyaden gelten in der Schia als Usurpatoren. Dass auch die ersten drei – von Qutb verehrten – Kalifen sich die religiös-politische Führerschaft der Umma in schiitischer Lesart widerrechtlich angeeignet haben, und Ali von Anfang an ausgebootet wurde, konnte Chomeini nicht davon abhalten, Qutb als „ägyptischen Bruder“ zu bezeichnen. Widersprüche sind in Ideologien grundsätzlich eher die Regel als die Ausnahme. Das Amalgam aus antikolonialer Rhetorik und einem projektiven Hass auf die Juden, das für die Muslimbrüder maßgeblich ist, eignet jedenfalls auch dem antisemitisch codierten Antizionismus des iranischen Regimes.
Islamismus als neue Leitideologie
1979, das Jahr der islamischen Revolution im Iran, und des ägyptisch-israelischen Friedens, ist in ereignisgeschichtlicher Hinsicht das Schicksalsjahr des globalen Islamismus. Seine Zeit scheint nun endgültig gekommen zu sein.
Spätestens nach dem Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 beginnt der Stern des arabischen Nationalismus zu sinken und Islamisten verschiedener Couleur empfehlen sich als neue Leitideologen. Zugleich spült der immense Anstieg der Rohölpreise Milliarden an Petrodollars in die Kassen der Golfmonarchien. Geld, das dazu genutzt werden wird, einen ultrakonservativen Islam wahhabitisch-salafistischer Prägung in weite Teile der Welt zu exportieren. Ein Vorgang, der paradoxerweise nicht ohne den Erfolg von Chomeini zu erklären ist. Denn dessen zementierter Anspruch auf die Macht setzt die Islamismus-Spirale in Gang. Schiitische und sunnitische Akteure geraten gleichsam in einen islamistischen Überbietungswettbewerb.
Am 1. Februar 1979 landet der bis dato exilierte Chomeini auf dem Flughafen in Teheran und lässt sich bejubeln. Das Schah-Regime von Mohammad Reza Pahlewi ist auf dem Müllberg der Geschichte gelandet. Die siegreiche iranische Revolution, in der linke und islamistische Akteure gegen das Schah-System aufbegehrt haben, wird zur islamischen Revolution. Diese fängt an, ihre Kinder zu fressen; macht unerbittlich Jagd auf ihre linken Elemente. Gleichwohl wird die islamische Republik Iran ein politisches Zwittergebilde, in dem – auch wenn Chomeini das nicht zugegeben hätte – Bausteine westlichen Parlamentarismus eine zwar lediglich oberflächliche, doch deutlich sichtbare Rolle einnehmen. Das „Eigene“ und „Reine“ bleibt immer ein Trugbild, Kulturen sind beständig ineinander verflochten, Wirklichkeit und Theorie klaffen auseinander. Ohnehin hat die iranische Theokratie, hat Chomeinis „Herrschaft des Rechtsgelehrten“ mit „Authentizität“ nur wenig zu tun. Die Institution dieses obersten Führers, als Stellvertreter des 12. Imam – der als Mahdi genannter Messias in der Endzeit der Menschheit wiederkehren soll – kennt in der Schia kein nennenswertes Vorbild. So sind wichtige Teile des schiitischen Klerus, der traditionell quietistisch orientiert war, und der Welt der Politik eher fern bleiben wollte, dem politischen Projekt Ayatollah Chomeinis mit großer Skepsis und Ablehnung begegnet.
Die islamische Revolution wird das nicht aufhalten. Nicht nur wird sie sich mit der Hisbollah und den Huthi später nach Libanon und Jemen exportieren. Sie wirkt auch als ein elektrisierendes Fanal für diverse sunnitisch-islamistische Akteure, die nun sehen, dass der „dritte Weg“ sich durchsetzen kann, (auch wenn sie die schiitische Form dieses Weges nicht goutieren.)
Im Jahr 1979 gibt es indes noch weitere wichtige Ereignisse, die den Islamismus auf die Weltbühne hieven, wie unter anderem der Politologe Oliver M. Piecha im Sammelband „Gesichter des politischen Islam“ ausgeführt hat. In Mekka wird die Kaaba, das zentrale Heiligtum des Islam, von einer radikal-salafistischen Gruppierung besetzt, die das saudische Herrscherhaus zur Abdankung auffordert. Die Saudis erwirken bei den wahhabitischen ʿUlamā', als der geistigen Stütze ihrer weltlichen Macht, eine Fatwa, die es ihnen nunmehr erlaubt, die al-Harām-Moschee militärisch zu stürmen. Als Gegenleistung werden die Herrscher die Scharia noch strenger ins Werk setzen als ohnehin und mit dem gewaltigen Öl-Kapital einen ultrakonservativen Islam in etlichen Gegenden der Welt finanzieren.
Und noch etwas Fatales geschieht in diesem Jahr: Die Sowjets fallen in Afghanistan ein – und der Akt des globalen Dschihadismus beginnt, der Märtyrertod feiert mächtig Konjunktur. Die Saudis finanzieren den Heiligen Krieg, auch um die eigenen Radikalen loszuwerden, vor allem aber als Gegengewicht zum schiitisch-politischen Islam im Iran. Wie ihre Verbündeten, die Amerikaner, die geistig von der Logik der Block-Front blockiert sind, und alles unterstützen, was dem Kommunismus schadet, fördern die Saudis nun jenes Milieu, das später al-Quaida und Konsorten hervorbringt – und sie selbst immer wieder in Bedrängnis bringen wird.
Der Siegeszug der Revolution im Iran; die kurze Besetzung der Kaaba in Mekka; der Krieg der Sowjets in den Bergen Afghanistans; und der nun vom Ölkrisen-Geld alimentierte radikale salafistische Islam als Kontrapunkt des schiitischen Projekts, rufen in Verbindung mit dem Ansehensverlust des panarabischen Nationalismus in Folge der verlorenen Kriege gegen Israel und des ägyptisch-israelischen Friedens, die Ära des globalen Islamismus auf den Plan. Seither haben sich Teile der islamischen Welt politisch und gesellschaftlich „reislamisiert“.
Gottesstaat oder Herrschaft des Volkes?
Das komplexe Konfliktfeld der mulimischen Welt ist nicht ohne die religions-politischen Umwälzungen zu erklären, die sich seit den 1970er-Jahren ereignet haben. Der ewige schiitisch-sunnitische Zwist wird in jüngerer Zeit vor allem zwischen den regionalen Platzhirschen Iran und Saudi-Arabien ausgetragen. Und von deren treuen Vasallen in Syrien, im Irak, im Jemen und in weiteren Regionen. Er verläuft indessen quer zu einer anderen Front – innerhalb des sunnitischen Kosmos. Dem Bündnis zwischen den Golfmonarchien und der ägyptischen Junta unter as-Sisi stehen den Muslimbrüdern nahe Akteure wie die Türkei und Qatar gegenüber, wie unter anderem der Soziologe und Islamismus-Experte Gilles Keppel erörtert. Und freilich die Hamas als Schössling der Bruderschaft, die wiederum am Tropf des schiitischen Iran hängt, der ihr helfen will den „Staat der Zionisten“ zu vernichten, und außerdem den innersunnitischen Konflikt politisch recht gut auszumünzen weiß.
Doch obgleich sich die Muslimbrüder mit vielen salafistischen Gruppierungen alles andere als grün sind – während der säkulare as-Sisi mit der salafistischen al-Nur-Partei paktiert – hat der Export wahhabitischen Denkens, der in den 1970ern vom Golf aus begann, in weiten Teilen der islamischen Welt einen gesellschaftlichen Nährboden geschaffen, auf dem auch das Projekt der Muslimbruderschaft, den Islam zu verabsolutieren, gedeiht. Und zwar schlicht, weil die Losung „Der Islam ist die Lösung“, die Hasan al-Bannā einst stolz propagiert hatte, auf deutlich mehr Akzeptanz trifft als früher. Nicht von ungefähr ist der arabische Frühling, als Ruf nach Freiheit und Demokratie, von einem islamistischen Winter überdeckt worden.
Nun gibt es die wohlmeinenden westlichen Beobachter, die in den Muslimbrüdern von heute am liebsten eine Art islamische CDU erkennen wollen und deren ideologisches Bewusstsein ignorieren. Und tatsächlich haben sich Teile der heterogenen Bruderschaft inzwischen zum Parlamentarismus bekannt. Statt mit Waffengewalt für die Sache zu kämpfen, wird durch die Institutionen marschiert. Allein, den gleichen Weg gehen auch die Rechtspopulisten, und doch sind sie kaum als Demokraten zu bezeichnen.
Die empirische Wirklichkeit könnte sich gewiss von ihrer theoretischen Einfassung lösen. Vielleicht entwickeln sich einst islamistische Akteure in der Begegnung mit dem eigentlich abgelehnten Anderen aus der Ideologie des Islamismus heraus – die politisch ja ohnehin nicht einheitlich ist. Nicht mal für verschiedene Zweige der Bruderschaft, geschweige denn für derart disparate Akteure wie die Taliban und das iranische Regime ist die begriffliche Klammer „Islamismus“ in staatstypologischer Hinsicht zu gebrauchen. Es gibt einen gemeinsamen Hass auf den westlichen Liberalismus. Was es nicht gibt, ist ein einheitliches Ordnungsmodell als Gegenprojekt zum liberalen Skript. Wie auch? Die Scharia als Grundlage islamistischer Politik ist schließlich nicht abschließend kodifiziert. Sie ist kein bewegungsloses Regelgefüge, sondern eine Art lebendige Methode. Auch die genaue Beschaffenheit der Staatsform lässt sich nicht einwandfrei dekretieren. Und sicher ist ein neues altes Kalifat nicht der feuchte Traum eines jeden Islamisten. Zu komplex sind die politisch-globalen und auch die lokalen Realitäten, als dass man eine „reine Lehre“ umsetzen könnte, die ohnehin viele Auslegungen kennt.
Und doch zeigen die bisherigen Herrschaftsversuche der Muslimbrüder und ähnlicher Akteure eine antidemokratische Grundtendenz auf. Etwa in Gaza und natürlich im Sudan. Aber auch in Ägypten unter Mohammed Mursi, der bis zur seiner Absetzung 2013 zunehmend autoritärer regierte und das Scharia-Recht radikal verschärfte. (Wie es in Syrien unter dem sich derzeit moderat gebenden Achmed al-Scharaa weitergeht, wird die Zukunft zeigen, doch schon jetzt gibt es zahlreiche Anzeichen dafür, dass die Mäßigungserzählung eine taktische Farce ist).) Wie auch immer: Selbst jene Islamisten, die sich vordergründig auf den Pluralismus einlassen, lehnen ihn ab. Eine aus der Deliberation entstandene Selbstgesetzgebung menschlicher Gesellschaften stößt sich an dem Umstand, dass Gottes Gesetz seit Anbeginn und ewiglich Gültigkeit hat. Selbst mit der tunesischen Ennahda-Partei, der oft ein „moderater Islam“ unterstellt wird, hing die gerade eingeführte Demokratie deutlich sichtbar am seidenen Faden. Vom islamisch überfirnissten Nationalismus und Neo-Sultanismus Tayyip Erdoğans ganz zu schweigen. Nun sind Teile der Scharia auch in vielen sich als tendenziell säkular präsentierenden Staaten mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit – verstärkt seit den 1970er-Jahren – in die offizielle Rechtsordnung eingeschrieben geworden. Dies betrifft in den seltensten Fällen die Körperstrafen der Strafrechtsstatuten. Das Problem liegt mehr im Ehe- und Personenstandsrecht, in dem Frauen als Menschen zweiter Klasse erscheinen.
Auch wenn die islamistisch-reformistische Bewegung und die konservative Traditions-Exegese sich wechselseitig mit Ablehnung begegnen, und auch konservative ʿUlamā' (wie im Islam die Religionsgelehrten heißen) – etwa an der Universität Al-Azhar – trotz der fehlenden Bereitschaft Religion und Staat zu trennen, das eine nicht vollständig im anderen auflösen wollen, wie die Utopie des Islamismus es verlangt, sind sie sich dennoch in einer Sache einig: Beide opponieren gegen toxische Einflüsse einer gesellschaftlichen Modernisierung, und so auch gegen weibliche Emanzipation. Die neben Traditionalismus und Reformismus dritte Orientierung, der islamische Modernismus, kann eine bürgerrechtliche Demokratie und den Islam miteinander kombinieren. Die anderen beiden Strömungen können es nicht.
Ideologische Querfront
Den ostentativen Hass auf „den Westen“ als geistig-geografischem Ort der Dekadenz teilen sich Islamisten und völkische Rechte. Diese begegnen sich bloß scheinbar als Feinde. In ihren obsessiven Einheits- und Reinheitsphantasien, ihrer radikalen Sehnsucht nach dem unbefleckten Ursprung und der regressiven Antwort auf die Wirren der Moderne haben sie indessen nicht wenig gemeinsam. Dabei sind beide Bewegungen Produkte der Moderne, die mit hochmodernen Mitteln gegen diese agitieren (das heißt gegen bestimmte Aspekte derselben) – und tief in ihre Dialektik verstrickt. Sie reagieren allergisch auf die Emanzipation, auf die freie Entfaltung der Individuen, die das stahlharte Gehäuse der Gemeinschaft zersprengen. Beide wollen gleichsam vorwärts zurück, in die Retrotopie eines angestammten Lebens, als das „Volk“ und die „Umma“ noch „identisch“ mit sich waren.
Der autoritäre Rechtspopulismus als spätmoderne Fortsetzung des völkischen Faschismus ist wie dieser nicht bloß Reaktion auf Freiheitsgewinne. Sondern auch auf die sozialen und mentalen Verwüstungen, die kapitalistische Gesellschaften befördern. Frei nach Adorno ist der Faschismus stets auch das Wundmal einer Demokratie, die ihrem eigenen Begriff bis heute nicht gerecht wird. Rechtspopulismus und Rechtsextremismus sind die fatale Reaktion auf das Gute und das Schlimme, das mit dem Liberalismus in die Welt gekommen ist.
Ähnliches gilt für den Islamismus auch, der – zumindest in einem seiner dominanten Stränge – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als antikoloniale Bewegung reüssiert. Mit der Fetischisierung einer goldenen Ära der wenigen als rechtgeleitet geltenden Kalifen wird auf den „Verfall“ der Sitten reagiert, auf den Wandel im Kontext der Modernisierung, den Ausbruch aus dem identitären Korsett – doch zugleich auf Eroberung und Unterdrückung der kolonialistischen Usurpatoren. Denn tatsächlich rückt die Aufklärung ja mit Kanonenbooten an. Die Freiheit, die sie so stolz vor sich herträgt, ist lange Zeit ohnehin nur als Freiheit europäischer männlicher Besitzbürger gedacht – es ist die Freiheit des Kapitals, auf Raubzüge zu gehen. Doch im Ideen-Arsenal des liberalen Skripts (und natürlich in dem des Sozialismus) konnten auch jene ein Freiheitswerkzeug finden, die von westlichen „Liberalen“ nicht weniger geknechtet wurden, als von der Knute überlieferter Normen.
Auch der Islamismus ist ein regressiver Aufhebungsversuch von Freiheit und Unterdrückung zugleich – zwar wendet er sich gegen die „Herrschaft des Westens“, und nicht zuletzt gegen den Kapitalismus, doch auch gegen jedwede Emanzipation. Er terrorisiert denn auch häufig Muslime, die seiner rigiden Exegese nicht folgen und angeblichen Fremdeinflüssen aufgesessen sind.
Im Raster der Kritischen Theorie, und mithin im Röntgenblick der Psychoanalyse, erscheinen völkischer Faschismus und politischer Islam als Symptome einer kollektiv-narzisstischen Kränkung. Die Widersprüche der modernen Gesellschaft werden „dem Juden“ als vermeintlichem Verursacher der Auflösung eherner Identität, als personifiziertem „Gesicht“ des Kapitals und Grundprinzip des Bösen auf der Welt angelastet. Ein pathisch-projektiver Antisemitismus ist der ideelle Glutkern beider Phänomene, die die idealisierte Gemeinschaft von gestern als Lebensmodell für das Morgen erstreben.
Dieser Text basiert auf einem Auszug aus Christoph David Piorkowskis Buch „Demokratie im Kreuzfeuer. Die Krise der liberalen Ordnung und die Internationale des Autoritarismus“, Metropol Verlag, Berlin 2024.