Philosophie Magazin / 04.08.2025
In seinem Werk „Ist Theorie gut für die Juden?“ analysiert der französische Philosoph und Literaturwissenschaftler Bruno Chaouat die fatalen Konsequenzen des „französischen Denkens“ für das zeitgenössische Judentum. Ein Philosemitismus, der „den Juden“ zum Symbol der Dekonstruktion von Identität erklärt, zeitige einen neuerlichen Antisemitismus.
Herr Chaouat, „Ist Theorie gut für die Juden?“ – was für eine merkwürdige Frage ist denn das?
Diese zugegeben etwas befremdliche Frage hat sich mir nach dem Massaker von Toulouse und der gezielten Ermordung jüdischer Schulkinder durch einen Islamisten im Jahr 2012 aufgedrängt. Hier wurde mir zusehends klar, dass viele heutige Vertreter der „French theory“ mit ihren machttheoretischen Gemeinplätzen und ihrem recht eindimensional gedachten Gegensatz von bösen westlichen Unterdrückern und guten Unterdrückten aus Ländern des globalen Südens diese neue Bedrohung jüdischen Lebens nicht adäquat zu rezipieren vermochten. Dabei wünsche ich mir natürlich kein „Ende der Theorie“, das für die Juden und alle anderen sicher ebenfalls nicht gut wäre. Vielmehr geht es mir um eine kritische Bestandsaufnahme des französischen Denkens, eine Analyse seiner Entstehungsbedingungen, und die Frage, inwiefern diese Denktradition noch angemessene Konzepte zur Beschreibung der Wirklichkeit bereithält.
Was meinen Sie genau mit „französischem Denken“?
Der Begriff wurde dadurch geprägt, dass französische Denker wie Michel Foucault, Jacques Derrida, Gilles Deleuze oder Jean-Francois Lyotard großen Einfluss auf akademische Diskurse in den USA ausübten, wobei die dort wiederum modifizierten Theoreme anschließend nach Frankreich zurückgekehrt sind. Was ich adressiere, sind also jene Denkformen, die unter den Labels Dekonstruktion, Postmoderne oder Poststrukturalismus rubriziert werden, unabhängig davon, ob sie in Frankreich, Italien, den USA oder sonst wo die Debatte prägen. Dabei ist es mir allerdings wichtig, die mannigfaltigen Unterschiede der verschiedenen Denker und ihre jeweiligen Eigenheiten zu betonen und nicht „die Postmoderne“ als solche zu verwerfen.
Sie kritisieren das „Judenbild“ der Dekonstruktion, in dem „der Jude“ zu einer Art Platzhalter werde. Wie genau wird dieser dort metaphorisiert?
Im dekonstruktivistischen Philosemitismus wird das Judentum gleichsam „entjudaisiert“, das historische Judentum spielt keine Rolle mehr. Der „authentische Jude“ wird zum Signifikanten abstrakter sozialer Gerechtigkeit erkoren, zum untergrabenden Gegenprinzip toxischer Identitätskonstruktionen. Er avanciert zum Sinnbild der Nichtidentität, das sich den festschreibenden Definitionen verweigert, wird also gerade für jene vermeintliche „Ortlosigkeit“ gefeiert, die der völkische Antisemitismus dem Juden zum Vorwurf gemacht hatte.
Sie schreiben, dass Sie als theoriesüchtiger jüdischer Student diesem „Judenbild“ früher sehr zugetan waren. War es schön, das Nicht-Identische auf zwei Beinen zu sein?
In gewisser Weise ja. Als junger Mann habe ich Alain Finkielkrauts „The Imaginary Jew“ gelesen. Finkielkraut beschreibt den symbolischen Gewinn, den er selbst eine Weile ob der Tatsache einstrich, ein verkörpertes Symbol der Verfolgten zu sein, der Subversion, und des Anderen als solchem. Als Jugendlicher hat es mich stark fasziniert, mich mit dem Nicht-Identischen zu identifizieren und mein Judentum primär in dieser Weise zu fassen. Dass diese Konzeptualisierung indessen zu einer problematischen Abstraktion vom historischen und „wirklichen“ Juden führen würde, war mir lange nicht bewusst.
Bei Jacques Derrida und anderen avanciert „der Jude“ zum Inbegriff eines anti-völkischen „Luftmenschentums“. Die antisemitischen Stereotype von „Wurzellosigkeit“ und „nomadischem Dasein“ werden nun positiv attribuiert. Ist es nicht völlig legitim, wenn ein Jacques Derrida angesichts der Verheerungen durch den Nationalismus im 20. Jahrhundert sein Judentum streng diasporisch definiert?
So sehr ich Derrida über lange Zeit bewundert habe und seine Arbeit noch immer respektiere, hat er doch einen wesentlichen Anstoß zur Metaphorisierung „des Juden“ gegeben, ja zur Praxis kompletter Abstrahierung von diesem. Er benutzte das Judentum vor allem als Trope. Allerdings war er doch bei weitem nuancierter als die, die sein Erbe dann radikalisierten, wie etwa Judith Butler und Gianni Vattimo, Alain Badiou und Luce Irigaray, die bei ihrer Dekonstruktion eines als Nation gedachten Judentums selbst in starre Oppositionen verfallen. Allem Dekonstruieren zum Trotz wusste er, dass die jüdische Identität nicht leichtfertig abgeräumt werden sollte. Über die plumpe Polarität zwischen Diasporatum und Zionismus wäre er, als Opponent falscher Binaritäten, sicher entsetzt und verärgert gewesen.
Wann haben Sie das erste Mal feststellen müssen, dass dieser Philosemitismus eine Schattenseite hat?
In den frühen 2000er-Jahren, im Anschluss an den 11. September und während der Zweiten Intifada. Hier bemerkte ich, dass in besagten Theoriekreisen oft eine krasse Apologie selbst der radikalsten Formen des politischen Islams dominierte; und dass der Begriff Jude endgültig zu einem bloßen Sinnbild des Opfers verkam, wobei als Opfer bzw. „Juden“ nun die vermeintlich vom Westen unterdrückten Menschen in der arabischen Welt galten, und hier zuvörderst die Palästinenser, die „der Macht“ bloß etwas entgegenhalten würden.
Mit besagter „Entjudaisierung“ der Juden werden Nicht-Juden umgekehrt „judaisiert“. Für Alain Badiou gelten alle als Juden, die ihr Heil im Postnationalen verbuchen. Welche Rolle nehmen umgekehrt jene Juden ein, die aus Auschwitz nun mal den anderen Schluss ziehen, dass die Zukunft des Judentums und das Überleben nur mit dem Nationalstaat gesichert werden können?
Badiou ist ein gutes Beispiel für „pick and choose your good Jews“. Freud, Marx, Trotzki, sogar Paulus werden, ähnlich wie bei Isaac Deutscher, als nichtjüdische Juden gefeiert, die aus dem partikularen Judentum ausgebrochen seien, um ihren Weg im Universalen zu finden. Die „Zionisten“ hingegen gelten als letzte Vertreter einer „politischen Metaphysik“ und eines überkommenen Identitätsprinzips, das der wahren Universalisierung und der postidentitären Glückseligkeit im Wege stehe. In letzter Konsequenz werden die partikularistischen Juden dann zu den Nazis von heute erklärt, welche die heutigen „Juden“ unterdrückten. Dabei fällt bei vielen Philosemiten im postnazistischen Zeitalter ein großes Unbehagen gegenüber dem leibhaftigen Juden auf, und dem Israeli als Symbol des Überlebens eines wirklichen und nicht bloß metaphorischen Judentums. Der Israeli ist die Normalisierung des Juden, bedroht dessen hehre Figuralität, das Sinnbild des Antiidentitären.
In ihrer Überhöhung des Diasporismus erklärt Judith Butler das ständige Leiden zum jüdischen Dasein par excellence. Jene, die es nicht als eine Auszeichnung begreifen, ein wandelnder Gegensatz zum Mainstream zu sein, und in einer jüdischen Mehrheitsgesellschaft fern von Antisemitismus leben wollen, haben sich laut Butler am Judentum versündigt. Leidet es sich als Ikone des Queer-Feminismus und jüdische Stichwortgeberin postkolonialer Antizionisten einfach angenehmer, denn als gewöhnlicher Jude in Paris oder London?
Wahrscheinlich. Jedenfalls hat Judith Butler das, was ich mit Gabriel Noah Brahm als postmodernes „Jewsplitting“ bezeichne, wohl am weitesten getrieben. Hier, der gute, leidende Jude, die sublimierte und idealisierte Figur; dort der böse Zionist, der kein Opfer mehr sein will.
Der italienische Historiker Enzo Traverso projiziert diese postmoderne „Judenspalterei“ sogar in die jüdische Geschichte hinein: Die Juden seien früher einmal „progressiv“ gewesen und hätten sich schließlich mit der Staatsgründung Israels zu „konservativen“ Unterdrückern gewandelt. Wie bewerten Sie die Darstellung Enzo Traversos?
Traverso zeichnet ein extrem simplifizierendes Zerrbild der jüdischen Geschichte und Gegenwart. Die Juden in der Diaspora waren früher wie heute politisch extrem ausdifferenziert. Wie in anderen Bevölkerungsgruppen auch gab und gibt es hier selbstredend sowohl eher konservativ als auch eher progressiv eingestellte Menschen. Auch Israel ist eine außergewöhnlich komplexe politische Entität. Was allerdings stimmt ist, dass Teile der israelischen Gesellschaft in den letzten fünf Jahren zunehmend nationalistischer geworden sind. Die würde ich aber nicht mehr als Konservative bezeichnen, sondern als rechte Extremisten, die das Projekt des Zionismus gefährden.
Eine Neujustierung der Signifikanten vollzieht auch ein Ahnherr des Postkolonialismus, nämlich der Philosoph Edward Said. Nun seien die Palästinenser die Juden, die Juden aber werden zu „Anti-Semiten“. Ähnliches findet man bei Abigail Bakan und anderen Denkern einer „critical whiteness“, die Juden seien „weißgewordene“ Täter, die Palästinenser die „Opfer der Opfer“. Weshalb fällt es diesen Denker so schwer, die Spezifika des Antisemitismus zu denken, sowie Juden als Juden anzuerkennen?
Weil die Juden, wie Zygmunt Baumann gesagt hat, immer als prismatische Gruppe fungieren. Sie werden gleichsam immer durch ein Prisma betrachtet. Rassisten sehen sie als Nichtweiße an, Antirassisten betrachten sie als Weiße. Das Interesse am Judentum und seiner Geschichte ist häufig eher gering ausgeprägt, „der Jude“ hat in verschiedenen intellektuellen, ideologischen und metaphysischen Konzepten die jeweils benötigte Rolle zu spielen.
Sie beschreiben, dass im „antiimperialistischen“ und postkolonialen Lager mit Blick auf die israelische Politik seit mehreren Jahrzehnten eine systematische „Reductio ad Hitlerum“ stattfindet, mithin das krasse Bedürfnis besteht, Israels vermeintlichen „Kolonialismus“ mit den Verbrechen der Shoah gleichzusetzen. Warum dieser Wille zu Holocaustisierung?
Wenn jemand das absolut Böse heraufbeschwören, einen Menschen oder einen Staat dämonisieren will, taucht früher oder später das Hitler-Motiv auf. Im Falle Israels oder der Juden kommt hinzu, dass sie in der antijudaistischen und antisemitischen Wahrnehmung seit jeher als das Böse erscheinen. Schließlich spielt auch die für den Antisemitismus typische Täter-Opfer-Umkehr eine Rolle. Nun werden die Juden oder die Israelis beschuldigt die gleichen Verbrechen zu begehen, die ihnen selbst angetan wurden, während die Shoah gleichzeitig relativiert wird.
Der Genozid-Vorwurf gegen Israel hat eine lange Tradition. Wie bewerten Sie die derzeitigen Völkermord-Vorwürfe gegen den jüdischen Staat im Kontext seines militärischen Vorgehens in Gaza?
Ich denke, dass es in der Geschichte der Völkermorde keine einzige Situation gegeben hat, in der die Opfer eines angeblichen Genozids diesen schlicht durch Kapitulation und die Freilassung entführter Geiseln hätten stoppen können. Auf jeden Fall ist in Gaza ein brutaler Krieg im Gange, der sehr wahrscheinlich auch mit Kriegsverbrechen einhergeht – dabei gehe ich allerdings fest davon aus, dass sich diese allein schon aus strukturellen Gründen in nahezu sämtlich Kriegen ereignen. Psychologisch betrachtet hat die Projektion des Völkermord-Vorwurfs auf die Opfer der Shoah natürlich auch eine Entlastungsfunktion. In Deutschland, aber auch in zahlreichen Ländern, die mit dem NS-Regime kollaborierten.Nicht zuletzt ist zu beachten, dass viele von denen, die Israel des Genozids anklagen wollen, um das genozidale Massaker der Hamas am 7. Oktober wenig Aufhebens machen.
Ihre Forschung zeigt, dass bei einigen dekonstruktivistischen Denkern eine Art säkularisierte Variante der christlich-paulinischen Anklage gegen das Judentum aufscheint. „Zionismus“ gilt nun, wie seinerzeit das Judentum, als „störrisches“ und unzeitgemäßes Relikt, das sich weigere, sich in einer universalen und besseren Seinsweise aufheben zu lassen. Statt Motiven des völkischen Antisemitismus werden solche des Antijudaismus bedient. Was bedingt diese Wiederkehr paulinischen Denkens?
Ich glaube, der Westen hat die paulinische Vorstellung des Juden niemals überwunden, das zeigt sich zum Beispiel auch bei Hegel. Auch wenn der völkische Antisemitismus mit seiner antiuniversalistischen Perspektive, in der der Jude als wurzelloser Kosmopolit erscheint, dann stärker den vermeintlich abstrakten und „volksfeindlichen“ Charakter des Judentums betont und gewissermaßen einen gegensätzlichen Akzent setzt, bleibt das christliche Paradigma des verstockten, auf seinem Gesetz und seiner Partikularität beharrenden Judentums, das eigentlich längst überwunden sein müsste, in der Geistesarchitektur des Westens dennoch erhalten.
Maßgeblich für den antijudaistisch-antisemitischen Ideologiekomplex ist also, dass „dem Juden“ stets die Rolle eines anachronistischen Antagonisten zugeschrieben wird, der einer (Wieder)gutwerdung der Wirklichkeit entgegenstehe. In einer partikularistischen Perspektive gilt „der Jude“ als Feind der Nationen und anderer vermeintlich urtümlicher Gemeinschaften. In einer universalistischen Perspektive aber gilt er als letzter „störrischer“ Vertreter einer „chimärischen Nationalität“. Konstant ist, dass die Juden als das Unzeitgemäße erscheinen.
Genau. Es gibt die persistierende Vorstellung, dass der Jude im Weg steht, dass er ein irgendwie anachronistischer Störfaktor ist. Wurden Juden in der Zeit des Rasse-Antisemitismus vor allem als „Luftmenschen“ und „Wanderer“ attackiert, als das, was die Identität gefährdet, werden sie heute oft als überholt betrachtet, weil sie ihrer Herkunft, ihrem Land, ihrer Gemeinschaft verbunden bleiben. Während der Antisemit von einst die Juden als minderwertige Rasse ansah, hält er sie heute für rassistisch. Der angebliche Anachronismus der „Zionisten“ wird als reaktionäre Kraft wahrgenommen, die den Fortschritt der Menschheit auf dem Weg zum Multikulturalismus behindere.
Das postmoderne Projekt einer Dekonstruktion identitärer Prinzipien ist in inzwischen in ein Denken umgeschlagen, das bestimmte Identitätsformen unbedingt bewahren möchte. In einigen postkolonialen Diskursen wird der vermeintlich authentische Gruppencharakter „indigener“ Kollektive gegen den als abstrakt und entfremdet geltenden Zionismus verteidigt, der eine urtümliche Gemeinschaft aus dem Gleichgewicht bringe. Hat die Tradition des Postmodernismus selbst also sowohl das antipartikularistische als auch das antiuniversalistische Motiv im Gepäck?
Ja. Wo Derrida noch jede Form von vermeintlicher Ursprünglichkeit abgelehnt hätte, denn diese galt es doch zu dekonstruieren, haben sich die von ihm beeinflussten postkolonialen Denker auf eine bestimmte Vorstellung von Indignität versteift und essenzialisieren diese. Von Emmanuel Levinas stammt der Ausspruch, dass Menschen keine Bäume sind. Umso absurder ist die postkoloniale Vorstellung, in der die Palästinenser im Grunde als tief verwurzelte Olivenbäume erscheinen. Dabei nannte im übrigen schon Gilles Deleuze die Palästinenser die „Indianer Palästinas“. Lange dachte ich, ein solches Denken sei weitgehend überwunden, aber das war wohl ein Irrtum. Also ja, man kann Juden hier beides unterstellen, zum einen zu partikularistisch zu sein, zum andern zu abstrakt und zu universell.
Warum dieser Fokus auf die jüdische Nation? Gibt es bei Denkern wie Badiou oder Butler auch Kritiken des Hindu-Nationalismus oder anderer Identitätsformationen?
Der Fokus auf die Juden rührt nicht zuletzt daher, dass sie das eigene Andere darstellen, sie stehen gleichzeitig innerhalb und außerhalb der westlichen Gesellschaft. Das Judentum ist das, was den Westen zu sich selbst und zugleich zum anderen seiner selbst werden lässt. Die Auseinandersetzung mit „dem Juden“ steht gleichsam im Zentrum westlichen Nachdenkens über das Identitätsthema, wie gesagt sowohl bei denen, die Identität zementieren, als auch bei denen, die sie entgrenzen wollen.
Es scheint, als seien die Juden die große Ausnahme. Sie müssen sich auflösen, um sie selbst zu sein, während alle anderen sich auf ihre vermeintlich authentische Kultur besinnen dürfen.
Ja, auf der einen Seite irritieren die konkreten Juden, mit ihren guten und ihren schlechten Seiten, die als normaler Teil der Weltbevölkerung so gewaltfähig sind wie alle anderen Menschen, die anbetungswürdige Figur des absoluten Opfers. Zum anderen wurden die Juden im Westen immer schon als eine Art Nicht-Identität wahrgenommen, nicht einfach als eine andere kollektive Identität, sondern als das, was das Identitätsprinzip als solches gefährdet.
In ihrem Buch „Ist Theorie gut für die Juden?“ legen Sie dar, dass die französischen Linke unfähig ist, die misogyne, homophobe und antisemitische Agenda des Islamismus zu kritisieren. Wieso scheinen sehr viele Linke nicht bereit, auch jene Gewalt zu problematisieren, die von anderen, als westlichen, Akteuren verübt wird?
Auf der einen Seite scheint mir, dass die postmarxistische Linke Religion noch immer nicht ernst nehmen mag, und davon ausgeht, dass das „falsche Bewusstsein“ mit der erfolgreichen Revolution aufgelöst wird wie eine Fata Morgana. Die Religion wird hier als eine zwar falsche, aber doch nachvollziehbare Antwort auf den westlichen Imperialismus gedacht. In der identitätspolitischen und kulturrelativistischen Linken wiederum gibt es eine große Faszination für das „Exotische“. Hier wird jede Kritik etwa am politischen Islam als rassistische und orientalisierende Anmaßung gegeißelt. Das bringt einen eigenen Orientalismus mit sich, in dem „die Kultur der anderen“ verherrlicht und als quasi unantastbar essenzialisiert wird. In diesem Sinne sprechen sich dann Feministinnen wie Judith Butler für die Burka als einem Marker kultureller Selbstbestimmung aus. Die vermeintlich oder tatsächlich Unterdrückten sind moralisch sakrosankt, wehren sich bloß gegen die Gewalt des Unterdrückers. Dabei findet letztlich eine Desubjektivierung jener statt, die man als „Andere“ begreift. Sie handeln nicht mehr ob einer eigenen Agenda, sondern reagieren allein aus Verzweiflung.
Haben sie Hoffnung, dass sich besagte linke Akteure im Anschluss an den 7. Oktober 2023 von ihrem Dogmatismus lösen könnten?
Im Gegenteil, sie haben ihre Dogmen noch verfestigt.