Philosophie Magazin / 02.01.2026
Der Begriff der Konservativen Revolution wird oft als Konstrukt reaktionärer Akteure bezeichnet. Im Gespräch erklärt der Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber, was sich historisch dahinter verbirgt und was die Strömung vom klassischen Konservatismus sowie vom Nationalsozialismus unterscheidet.
Von Christoph David Piorkowski
Herr Pfahl-Traughber, eine „Konservative Revolution“ scheint ein widersprüchliches Anliegen zu sein. Was soll hier bewahrt und was soll umgewälzt werden?
Es geht dabei ja um eine Denkrichtung aus der Weimarer Republik und in diesem historisch-politischen Kontext muss man das Gemeinte zuordnen: Die damaligen Konservativen wollten das Bestehende nicht bewahren, denn es handelte sich um eine moderne Demokratie. Ganz offen forderten die Denker der Konservativen Revolution deren Überwindung. Dabei wollten sie an Inhalte und Werte anknüpfen, die aus ihrer Blickrichtung durch Demokratisierung, Gleichheitsideal und Pluralismus verloren gegangen seien: „Elite“, „Führerwachstum“, „Gott“, „Hierarchie“, „Natur“, „Ordnung“.
Wer sich als konservativer Revolutionär positioniert, grenzt sich nicht nur von demokratischen Konservativen ab, die sich mit einer liberalen Republik arrangieren, sondern auch von reaktionären Konservativen, die die Monarchie wiederherstellen wollen.
Genau, so ist es! Die Differenz zum reaktionären Konservatismus war aber in der Praxis nicht so stark ausgeprägt, ließ man sich doch von Akteuren aus diesem politischen Kontext finanziell und publizistisch sehr wohl fördern. Demgegenüber gab es nicht so viele Konservative, die aus innerer Überzeugung auf der Seite der Republik standen.
Die Konservativen Revolutionäre wollen weder schlicht nach vorne, noch einfach zurück. Wie ist das Verhältnis zur Moderne beschaffen?
Bezogen auf die kulturelle und politische Moderne dominierte eine ablehnende und konfrontative Haltung. Die technische Moderne wurde demgegenüber mal mehr, mal weniger von den gemeinten Denkern akzeptiert. Derartige Ambivalenzen findet man aber auch in anderen politischen Kontexten. Denken Sie etwa für die Gegenwart an die Islamisten.
„Konservative Revolution“ ist ein schillernder Begriff, der von Armin Mohler, einem zentralen Vordenker der Neuen Rechten in die Debatte eingeführt wurde. Manche Forscher erklären, es handele sich um ein Konstrukt, mit dem Mohler versuchte, eine von den Verbrechen des Nationalsozialismus unbemakelte Rechte zu erfinden. Gilt es, den Begriff zu verwerfen, wie der Soziologe Stefan Breuer forderte?
Breuer verweist zutreffend darauf, dass es bei den erwähnten Denkern bei der Einstellung zu vielen politischen Fragen auch Unterschiede gab, etwa hinsichtlich Feindbenennung, Rasse, Reich, Technik, Volk oder Wirtschaft. Dieser Auffassung würde ich im Grundsatz, aber nicht hinsichtlich der Folgen zustimmen wollen. Denn es bestand als verbindende Haltung die eben erwähnte Position, gegen die bestehende Republik angeblich verloren gegangene Werte wieder als verbindlich setzen zu wollen. Diese Absicht erlaubt meines Erachtens die fortgesetzte Nutzung des Terminus „Konservative Revolution“.
Aber nicht im Sinne Armin Mohlers.
Genau. Wie erwähnt, prägte Armin Mohler die Bezeichnung in seiner Dissertation von 1949. Er nahm dabei aber keine wirklich trennscharfe Definition vor. Es sollte irgendwie um eine Frontstellung gegen die „Grundlagen des Jahrhunderts des Fortschritts“ gehen, was eine relativ diffuse Begriffsbestimmung war. Nicht besser wurde es durch die Benennung von fünf Gruppen, welche die „Konservative Revolution“ ausmachen sollte: „Bündische“, „Jungkonservative“, „Landvolkbewegung“, „Nationalrevolutionäre“ und „Völkische“. Das passt ideologietheoretisch alles tatsächlich nicht zusammen. Ein Beispiel: Die Völkischen unterschieden sich ideologisch kaum von den Nationalsozialisten. Insofern hätten diese konsequenterweise auch in die Typologie aufgenommen werden müssen. Darüber hinaus wurden politische Bewegungen mit ideologischen Richtungen zusammengewürfelt. So etwas ist bereits rein „handwerklich“ schlecht gemacht, unabhängig von möglichen ideologischen und politischen Interessen.
Was die Frage der politischen Motive angeht, die bei dieser Deutung bei Mohler dominierten: Er gab später selbst zu, dass es sich um ein „engagiertes Buch“ gehandelt habe und er die Differenzen zum Nationalsozialismus überbetonte, während die Gemeinsamkeiten eher ignoriert oder minimiert wurden. Indessen konnte er als Doktorand noch nicht ahnen, dass sein Ansatz für eine Jahrzehnte später entstandene intellektuellen „Neue Rechten“ relevant werden würde.
Sie verwenden den Terminus „Konservative Revolution“ dennoch und wenden ihn eingeschränkt auf die Nationalrevolutionäre und umfänglich auf die Jungkonservativen an. Wieso?
Streng genommen begrenze ich den Begriff sogar nur auf die Jungkonservativen als intellektuelle Strömung. Und zwar deshalb, weil sich diese auch dezidiert als Konservative verstanden, aber eben nicht auf eine früher bestehende Gesellschafts- und Staatsordnung fixiert waren, sondern mit Rekursen auf traditionelle Werte fixiert etwas Neues als Ordnungsmodell schaffen wollten. Demgegenüber wiesen die Nationalrevolutionäre eine antibürgerliche Dimension auf und irritierten mitunter durch als links geltende Ideologiefragmente, etwa bei der Kapitalismuskritik oder der Sowjetunion-Apologie. Aufgrund dieser Differenzen nehme ich hier auch eine Unterscheidung vor.
Als wichtigste Denker der „Konservativen Revolution“ nennen Sie für die Jungkonservativen Arthur Moeller van den Bruck, Oswald Spengler, Carl Schmitt und Edgar Julius Jung. Für die Nationalrevolutionäre Ernst Niekisch und als Figur zwischen diesen Strömungen Ernst Jünger. Was haben all diese Denker gemein?
Die Gemeinsamkeiten bestanden vor allem in den negativen Merkmalen, wobei es um die Ablehnung der Basiswerte einer modernen Demokratie ging. Gemeint ist die Frontstellung gegen Grundrechte, Liberalismus, Pluralismus und Republik. Dem stellte man die Forderung nach einem autoritären System gegenüber, wobei es dafür kein entwickeltes Modell mit systematischer Struktur gab. Blickt man bei den Genannten in das einschlägige Schriftgut, so kann man eine stille Faszination für den italienischen Faschismus ausmachen. Demnach wäre die autoritäre Herrschaft einer charismatischen Person mit pseudodemokratischer Legitimation das gemeinsame Ideal. Die gemeinten Denker äußerten sich indessen über die Legitimation und Struktur nicht genauer oder gar umfassend.
Man wettert gegen die Aufklärung, den Liberalismus, britische Vertragstheorien und die parlamentarische Demokratie, weiß also, was man nicht möchte. Stattdessen gelte es, wie van den Bruck meinte, „Dinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt“. Sind sich die besagten Denker einig, was das sein soll?
Nein, nicht wirklich. Man war gelegentlich noch nicht einmal mit sich selbst einig. Blickt man in einschlägige Aufsätze und Bücher, so werden nur diffus Konturen eines gemeinten Ordnungsmodells skizziert. Selbst zu den ideologischen Grundprinzipien gab es mitunter widersprüchliche Positionierungen. Ernst Jüngers Nationalismusverständnis ist dafür ein Musterbeispiel: Einmal meinte er, die Nation sei der höchste Wert, dann wieder, dass die Nation keineswegs der oberste Wert sei. Nur zwei Jahre lagen zwischen beiden Statements. Es steht also bei der gemeinten Ideologie auch unabhängig von den Inhalten schlecht um die formale Strukturierung.
Aber Einigkeit besteht darüber, dass man statt der individualistischen Gesellschaft eine kollektivistische Gemeinschaft fordert.
Genau, indessen nutzte nur Ernst Niekisch die Bezeichnung „kollektivistisch“, da sie eher mit kommunistischer bzw. linker Ideologie verbunden war. Es gab bei den erwähnten Denkern eine rigorose Distanz gegenüber dem Individualismus, der wiederum mit dem politischen Liberalismus verbunden wurde. Eine Ausrichtung am Einzelnen, so deren Deutung, würde zur Erosion der Völker führen. Demgegenüber hätten sich die Individuen dem Kollektiv ein- und unterzuordnen. Grundrechte spielten dabei verständlicherweise keine Rolle. Das große Ganze sei entscheidend. Dabei ignorierten die gemeinten Denker aber das Problem, dass es für das ganze Volk keinen einheitlichen Willen gab. Gleichwohl postulierten diese Intellektuellen so etwas, und nicht zufällig entsprach ihre Deutung des Gesamtwillens auch ihren eigenen Positionen. Genauere Begründungen dafür wurden indessen in den vielen Texten dazu nicht vorgetragen.
Oswald Spengler schreibt: „Der Verstand, das System, der Begriff töten, indem sie erkennen.“ Wie der Nationalsozialismus gibt sich auch die „Konservative Revolution“ betont deutsch-romantisch und antirational. Der Vernunftbegriff der Aufklärung wird als „kalt“, „rechnend“ und „abstrakt“ tituliert. Was wird der Vernunft entgegengesetzt?
Die „Geschichte“, das „Leben“, die „Natur“. Bei den gemeinten Denkern gibt es eine rigorose Frontstellung gegen die Aufklärung, die ideengeschichtlich für alle nur möglichen Negativentwicklungen verantwortlich gemacht wurde. Demgegenüber meint man, die Gesetze der Geschichte und Natur erkannt zu haben. In deren Namen plädierten die erwähnten Denker auch für einen Systemwechsel. Irgendwelche erkenntnistheoretischen Begründungen und Erläuterungen finden sich dabei nicht. Man erhob dazu zwar einen allgemeingültigen Erkenntnisanspruch, aber als bloßes Postulat aus eigenen ideologischen Versatzstücken.
Bei aller Vernunft- und Republikfeindlichkeit wird der Demokratiebegriff nicht vollständig verworfen. Carl Schmitt sieht die Demokratie in einer Diktatur, die auf Homogenität setzt und das „Heterogene ausscheidet“, sogar besser verwirklicht, als in der pluralistischen Demokratie. Mit was für einem Verständnis von Demokratie haben wir es hier zu tun?
Dazu gibt es tatsächlich unterschiedliche Auffassungen bei den gemeinten Intellektuellen: Einige der Denker verwerfen Demokratie fundamental, wobei sie damit die Weimarer Republik meinten. Ein Beispiel dafür ist Ernst Jünger, der erklärte, er hasse die Demokratie wie die Pest. Demgegenüber wurde bezogen auf die Demokratie von Carl Schmitt die erwähnte Umdeutung vorgenommen: Demokratie wäre die Einheit von Regierung und Volk, also von Führern und Geführten. Eine derartige Auffassung nennt man auch „identitäre Demokratietheorie“. Sie schließt objektiv sowohl Kompromissbildungen wie Pluralismus aus, beides würde ansonsten die Einheit und Homogenität gefährden. In einer Diktatur könnte, so Schmitt, dieses Prinzip viel besser Realität werden. Man muss sich seine identitäre Definition auch wortwörtlich in Erinnerung rufen: „Zur Demokratie gehört … notwendig erstens Homogenität und zweitens – nötigenfalls – die Ausscheidung und Vernichtung des Heterogenen.“ Das sind deutliche Formulierungen, die keines gesonderten Kommentars mehr bedürfen.
Erinnert das nicht an das Demokratieverständnis des zeitgenössischen Rechtspopulismus, in dem der Tribun den vermeintlichen Willen des Volkes gar nicht mehr in demokratischen Verfahren zu ermitteln braucht, sondern qua Bauchfühlung zu exekutieren vermag?
Ja, wobei heutige Rechtspopulisten so etwas nicht so deutlich formulieren, werden Wahlen doch allgemein wertgeschätzt. Blickt man auf die Länder, die von einem neuen Autoritarismus geprägt sind, so finden dort - mehr oder minder manipulierte - Wahlen statt. Die Bezeichnung „illiberale Demokratie“ nutzt man dafür gern als Formulierung. Politische Freiheiten werden eingeschränkt, gleichwohl finden formal Wahlen statt. Manchmal ist das Gemeinte über-offensichtlich wie für Russland, manchmal muss man dafür, wie im Falle Ungarns, analytische Tiefenbohrungen vornehmen.
Manche Forscher betrachten die „Konservative Revolution“ als einen vom Nationalsozialismus getrennten deutschen Strang des europäischen Faschismus, ideologisch also mehr bei Mussolini als bei Hitler. Waren KR und NS Konkurrenten auf dem binnenfaschistischen Ideologiemarkt der Weimarer Zeit?
Ich würde ungern mit einem allgemeinen Faschismusverständnis arbeiten wollen, besteht dafür doch kein entwickelter Forschungskonsens. Angemessener aus meiner Blickrichtung wäre das Extremismusverständnis: Demnach gelten Konservative Revolution und Nationalsozialismus als rechtsextremistische Phänomene. Die Erstgenannten würde man einer intellektuellen und kulturellen Form zuordnen, den Nationalsozialismus einer bewegungs- und parteiförmigen Variante. Die gemeinten Intellektuellen scheinen gehofft zu haben, dass sie geistig den Nationalsozialismus leiten können. Zumindest Edgar Julius Jung deutete so etwas an. Es handelte sich dabei aber um einen erkennbaren Fehlschluss, der letztendlich bei ihm auch zu seinem Tod führte.
Demnach gibt es eine große ideologische Schnittmenge. War die Distanz, wo sie vorkam, also eher durch einen elitären Dünkel der Intellektuellen gegenüber der Kleinbürgerlichkeit der Bewegung bedingt?
Nicht nur, aber auch: Die meisten der genannten Denker lehnten bei den Nationalsozialisten deren platten biologistischen Rassismus ab, wenngleich sie selbst ähnliche Auffassungen nur in anderer Form hatten. Entscheidend für die Differenz dürfte tatsächlich das elitäre Selbstverständnis gewesen sein, dünkten sich doch die genannten Denker etwa gegenüber NSDAP-Funktionären und den SA-Straßenkämpfern als geistig weit überlegen. Hitler wurde mitunter primär als „Schreihals“ wahrgenommen, den man aber als Mobilisierungsfaktor für Wählerstimmen brauche.
„Die Juden“ werden in antiliberalen Weltbildern oft als Medium einer „gemeinschaftszersetzenden“ liberalen Dekadenz betrachtet, so auch im Nationalsozialismus. Welche Rolle spielt der Antisemitismus im Antiliberalismus der Konservativen Revolution?
Antisemitische Einstellungen gab es bei den genannten Denkern durchgehend, auch in dem in ihrer Frage genannten inhaltlichen Sinne. Nur hatte die Judenfeindlichkeit dort nicht einen so hohen und konstitutiven Stellenwert wie bei den Nationalsozialisten. Blickt man etwa in die Hauptwerke von Edgar Julius Jung oder Arthur Moeller van den Bruck, so finden sich dort auf mehreren hundert Seiten meist nur vier bis fünf antisemitische Stellen. Häufig schien der Antisemitismus diesen Denkern als zu vulgär, wollten sie doch ihre Judenfeindlichkeit in anders markiertem Sinne wahrgenommen sehen. Dafür hat sich die spöttische Formulierung von einem „Salonantisemitismus“ eingebürgert.
Sind die Denker der Konservativen Revolution trotz aller Differenzen als geistige Wegbereiter des Nationalsozialismus zu bezeichnen?
Ja, das hat auch Edgar Julius Jung bereits Mitte 1932 noch ganz offen und stolz in einem Statement eingeräumt. Er betonte dabei vor allem die Auswirkungen im Bildungsbürgertum, habe man doch dort als nationalistischer Autor für die „nationale Revolution“ gewirkt. Bezogen auf die Grundpositionen der NSDAP, die sich gegen die Normen der Weimarer Republik richtete, bestanden grundlegende negative Übereinstimmungen.
Für die Neue Rechte um Götz Kubitschek und Co. ist die „Konservative Revolution“ die wohl zentrale intellektuelle Referenz. Was sagt das über deren politisches Projekt?
Extremistische Denker der Gegenwart beziehen sich auf extremistische Denker der Vergangenheit - mit dieser einfachen Formel lässt sich der Kontext zusammenfassen. Die erwähnten Denker aus der Weimarer Republik lehnten ja nicht nur diese politische Ordnung ab, weil es Krisen oder Skandale oder Verwerfungen gab. Ihre Auffassung war von einer geistigen Feinderklärung gegen deren normative Grundprinzipien geprägt. Genauso verhält es sich für die Gegenwart mit den Intellektuellen der Neuen Rechten. Man kann schwerlich die Basiswerte moderner Demokratie akzeptieren und sich auf die Denker der Konservativen Revolution stützen.
Die Neue Rechte ist nicht mit der AfD identisch, hat aber ideologisch in diese hineingewirkt. AfD-Funktionäre wie Gauland, Höcke oder Krah beziehen sich immer wieder auf die Klassiker der „Konservativen Revolution“. Welchen Einfluss haben diese Denker auf die Politik der Partei?
Bei den AfD-Funktionären, die sich auch ideengeschichtlich verorten wollen, spielen diese Intellektuellen eine wichtige Rolle. Beispiel Krah: Sein Buch „Politik von rechts“ ist durchzogen von Rekursen auf Carl Schmitt. Nebenher lobt er auch Oswald Spengler. In Höckes Reden kommen ebenfalls, aber ohne namentliche Nennung, gelegentlich Rekurse auf Schmitt vor. Dazu gehören etwa Bezüge auf eine „Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte“, womit etwa die Nicht-Unterstützung der Ukraine legitimiert werden soll.
Ist das Verhältnis der Neuen Rechten zur AfD mit dem der Konservativen Revolution zum Nationalsozialismus vergleichbar?
Ja, Gemeinsamkeiten bestehen hier auch in einem formalen Sinne: Es geht jeweils um eine rechtsextremistische Intellektuellengruppe und eine rechtsextremistische Partei. Beide Akteure benötigen sich im politischen Kontext: Die Intellektuellen brauchen einen politischen Träger, der ihre Positionen in die Wirklichkeit umsetzt. Demgegenüber dienen die Intellektuellen der Partei dazu, sich unter formal höher Gebildeten geistig interessanter zu machen und programmatisch attraktivere Positionen zu präsentieren. Es gibt aber auch zwischen beiden Akteuren ein Spannungsverhältnis: Die Intellektuellen erhoffen sich, die Partei geistig lenken zu können, was wiederum die führenden Funktionäre der Partei nicht zu schätzen wissen. Darüber hinaus plädieren die Intellektuellen häufig aus einer fundamental-oppositionellen Haltung heraus, während die Partei in einem entwickelten Parteiensystem auch strategisch bedingte Zugeständnisse machen muss.
Das Ziel Armin Mohlers war es gleichsam eine Brücke zwischen der äußersten rechten und dem bürgerlichen Konservatismus zu schlagen. Mit ihrem Projekt einer Eroberung von „kultureller Hegemonie“ verfolgt die Neue Rechte ein ähnliches Ziel, nämlich rechtsextreme Positionen im konservativen Milieu salonfähig zu machen. Der heutige Innenminister Alexander Dobrindt forderte einst, auf die ‚linke Revolution der Eliten“ müsse eine „konservative Revolution der Bürger“ folgen. Ist ihm klar, auf welcher ideologischen Klaviatur er da spielt?
Ich würde einmal postulieren wollen, dass Dobrindt das hier ideengeschichtlich eigentlich Gemeinte gar nicht bekannt war. Früher hatte auch Heiner Geißler sich einmal mit einem Plädoyer für eine „Konservative Revolution“ rhetorisch vergriffen. Möglicherweise erklären sich solche Ausführungen auch schlicht dadurch, dass hier ideengeschichtlich weniger gebildete Redenschreiber aktiv waren. Nach kritischen Hinweisen haben beide Politiker daraufhin solche Rekurse schnell unterlassen. Hinzu kommt, dass bereits zuvor „Konservative Revolution“ als Terminus in anderen politischen Zusammenhängen vorkam. So führte etwa in den 1980er Jahren Ronald Reagan mit dem Motto „Konservative Revolution“ in den USA seine Wahlkampagnen durch. Als ideengeschichtlich Interessierter zuckt man da immer zusammen, das gilt aber leider auch für viele andere Fragen in politischen Kontroversen.
Auch in Russland und China werden die autoritären Denker der Konservativen Revolution gelesen, vermittelt über Alexander Dugin dort und Lu Xiaofeng hier zuvörderst Carl Schmitt. Was reizt die Russen und Chinesen an dem Deutschen?
Carl Schmitt ist der Denker der Entscheidung und der Macht, das fasziniert alle Anhänger autoritärer Politikvorstellungen. Dies erklärt für Deutschland mit, dass es auch „Links-Schmittianer“ gab und gibt. Aktuell kommt aber noch ein anderer Gesichtspunkt hinzu: die erwähnte „Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte“. Diese Auffassung, die interessanterweise im Jahr 1941 in einem schmalen Band systematischer ausformuliert wurde, rechtfertigte die Dominanz einer bestimmten Macht für einen größeren Raum. Damals waren damit das „Dritte Reich“ und Europa gemeint. Heute kann man dieses Denken auf Russland und die Ukraine übertragen. Die Argumentationsweise liefe dabei auf folgende Deutung hinaus: Demnach sei das Dominanz-Denken von Putin legitim, dies wäre aber nicht der Fall bei der Ukraine-Unterstützung. Denn es ginge dann ja um die „Intervention einer raumfremden Macht“. So kann man imperiale Machtpolitik auch heute noch mit Schmitt scheinbar legitimieren.
In Anbetracht der sich als hegemoniale Großraumherrscher aufspielenden Geo-Mächte China, Russland und USA scheint Carl Schmitt der Denker der Stunde zu sein. Ohnehin ist der Autoritarismus weltweit auf dem Vormarsch. Kehrt die „Konservative Revolution“ im großen Stil zurück?
Nein, das würde ich nicht so sehen. Die gemeinten Denker spielen in der Gesamtbetrachtung eher für die deutsche Neue Rechte und ihr Umfeld eine wichtige Rolle. Anders verhält es sich aber tatsächlich mit Carl Schmitt und der erwähnten „Großraum“-Theorie. Autoritäre und imperiale Mächte können seine Positionen zur Selbstlegitimation nutzen. Gerade im heutigen China kann man diese Effekte mustergültig wahrnehmen. Betrachtet man den ideengeschichtlichen Kontext, dann versteht man auch die damit einhergehende ideologische Wirkung und Zielsetzung besser.
Angaben zur Person: Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber, Jg. 1963, ist Politikwissenschaftler und Soziologe und arbeitet als hauptamtlich Lehrender an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Brühl und als Lehrbeauftragter an der Universität Bonn. Seine Arbeitsschwerpunkte sind „Politischer Extremismus“ und „Politische Ideengeschichte“. Letzte Buchveröffentlichungen waren: Intellektuelle Rechtsextremisten. Das Gefahrenpotential der Neuen Rechten, Bonn 2022; Politische „Klassiker“ der Neuen Rechten. Antidemokratische Denker aus der Weimarer Republik, Bonn 2025.