Philosophie Magazin / 02.01.2026
Unter jungen Menschen in Deutschland und Europa scheint der christliche Glaube im Trend zu liegen. Bei einigen verbindet sich die Religion mit kulturkonservativen Vorstellungen weiblicher Keuschheit und teilweise auch mit rechtsextremistischem Denken. Eine Spurensuche nach den vielfältigen Gründen der neuen Religionsbegeisterung.
Von Christoph David Piorkowski
Das Leben in den 20ern unseres Jahrhunderts stellt eine Dauer-Überforderung dar. Vielfach ineinander verschachtelte Krisen der Wirtschaft, des Klimas, der Demokratie, sowie Kriege und ein geopolitisches Beben, das der Zukunft als kollektivem Vorstellungsraum eine zunehmend düstere Färbung verleiht, lassen Menschen nach geistigen Ankerplätzen suchen.
Die Märkte eindeutiger Sinn- und Verortungsangebote werden dabei nicht zuletzt von jüngeren Menschen, den Mitgliedern der sogenannten Generation Z, in zunehmend höherer Zahl frequentiert.
Während ein nicht kleiner Teil der westlichen Jugend in Kufijas gewandet den Antizionismus als erbauliche Ersatzreligion für sich entdeckt hat, erleben auch die klassischen Glaubenssysteme, und nicht zuletzt das Christentum, ein sichtbares Revival. Die Religion ist auch „der Seufzer der bedrängten Kreatur“, wie Karl Marx ehedem konstatierte.
Nun schreitet der Säkularisierungsprozess, zumindest in den Ländern der OECD, gesamtgesellschaftlich weiter voran, seit Jahren verzeichnen die amtlichen Kirchen einen stetig wachsenden Mitgliederschwund, die Austritte älterer Menschen nehmen zu, die Taufen von Babys und Kindern nehmen ab. Dabei gibt es aber in den USA und in Europa auch einige konterkarierende Tendenzen – und dies anscheinend insbesondere durch jene, die in der Zeitspanne zwischen 1997 und 2012 in die Welt geworfen wurden. So zeigt eine ganze Reihe neuerer Studien, dass junge Menschen häufiger zum Glauben tendieren, als Mitglieder anderer Alterskohorten.
Nun ist es falsch, wie manche Medien und Kirchenvertreter, von einer Schubumkehr der Krise des Christentums zu sprechen, zumal auch Jugendliche häufig keine Kirchgänger sind, sondern eher zu eklektischem Selfmade-Glauben neigen. Was aber stimmt ist, dass das Thema Religiosität, sowie eine dezidiert christliche Symbolik, für jüngere Menschen an Bedeutung gewinnt.
Auf jeden Fall muss diesen Eindruck erhalten, wer heute einen Blick auf Social Media wirft, sich ausgiebig mit Schülerinnen und Schülern unterhält, oder das berüchtigte Stadtbild observiert. Selbst im eher säkularen Berlin, sind anders als noch in den 90ern und Nullern, massenhaft jüngere Personen unterwegs, die das Zeichen des Kreuzes um den Hals hängen haben, oder es gar in die Haut tätowiert, auf Körperteilen prangend, ihrer Umwelt präsentieren.
„Seit Ende der Corona-Krise sehe ich immer mehr junge Menschen Ketten mit einem Kreuz-Anhänger tragen“, sagt die 15-jährige Ilaria, die die 11. Klasse des Walther-Rathenau-Gymnasiums in Berlin Wilmersdorf besucht. Nach dem Wechsel von der Grundschule habe das einschlägige Icon des Christentums plötzlich an den Hälsen der meisten ihrer Freunde gebaumelt. „Und auf Instagram habe ich in den Bios der Leute immer mehr Bibelverse gelesen.“ Ilaria beschreibt sich als gläubige Christin, hat sich intensiv mit dem Glauben beschäftigt, und für sich die Entscheidung getroffen, die Werte des Christentums leben zu wollen – die sie als Respekt und als Nächstenliebe auslegt. „Das Thema Religion ist in meiner Generation immer mehr zum Trend geworden“, meint die Schülerin. In der Corona-Zeit hätten ihre Altersgenossen sehr viel Zeit gehabt, mit allen möglichen Lebensformen zu experimentieren. „Manche haben sich dann LGBTQ, und andere dem christlichen Glauben zugewandt.“ Dabei geht Ilaria aber davon aus, dass die meisten lediglich „dazugehören wollen“.
Dass das Christentum in Teilen der Gen Z und der Gen Alpha zunehmend zum Trend-Phänomen avanciert, meint auch der 17jährige Louis, gläubiger Katholik, und Schüler der 12. Klasse des Berliner Hildegard-Wegscheider-Gymnasiums. „Mein Nachbar hat sich ein riesiges Kreuz tätowieren lassen. Der lebt nicht christlich. Mir kam das vor wie ein reines Image-Ding“. Auch auf TikTok nimmt Louis immer mehr Kreuze als Aushängeschilder der kuratierten „Biografien“ zur Kenntnis. „Bei vielen ist das wirklich eine reine Performance.“
Jesus Christus und die Jungfrau Maria, als Symbole einer öffentlich zur Schau gestellten Coolness? „Das Christentum ist heute viel angesagter als früher“, nimmt der Theologe Johannes Hartl wahr, der das „Gebetshaus“ in Augsburg betreibt, ein Tag und Nacht geöffneter Gebäudekomplex, von den Machern als „Kloster der Moderne“ beworben, das das Christentum zeitgenössisch aufbereiten soll. Auf der Webseite mischt sich eine christliche Symbolik mit an Streetart gemahnender knallbunter Optik, vor Ort wird durch christliche Bands inspiriert – sichtbar ein Angebot für jüngere Personen. „Zu uns kommen sehr viele Menschen aus der Generation Z zum Beten, die haben tendenziell eine stärkere Affinität zum Thema Religion, als viele aus der Generation Y oder X.“
Was hat sich verändert, seit der Autor dieser Zeilen in den 90ern und Nullern die Schule besucht hat, eine Zeit, da Religion kaum ein Thema zu sein schien?
Ein erster basaler Ansatz der Erklärung liegt in der besagten Polykrise unserer Zeit – das Hausen in der von Georg Lukács konstatierten „transzendentalen Obdachlosigkeit“ lässt sich mit Sicherheit noch schwerer ertragen, wenn politisch-ökonomisch-ökologische Krisen das Bewusstsein der Menschen gleichsam täglich penetrieren. Je weniger ein diesseitiges Fortschrittsversprechen oder gar eine irdische Eschatologie (wie sie der Marxismus einst in Aussicht gestellt hat) eine kollektiv entlastende Zukunft versprechen, desto wahrscheinlicher suchen die Menschen Zuflucht in der metaphysischen Sphäre. So zeigen Studien eben auch, dass die Generation Z von manifesten Zukunftsängsten geplagt ist. Wenn sich das Diesseits düster gestaltet, schimmert die Hinterwelt in leuchtenden Farben. Dabei ist der Glaube wohl nicht nur der Seufzer, sondern auch eine bewährte kulturelle Technik der vom Leiden hienieden bedrängten Kreatur. Jene lässt sich dabei auch pragmatisch gebrauchen, wie die Unterhaltung mit Louis illustriert: „Ein Freund meinte neulich, man glaubt dieses und jenes, bloß, weil man irgendwo aufgewachsen ist. Ich meinte, das kann sein, aber es ist mir egal. Auch wenn alles, was ich glaube, nicht stimmt, hat es mir am Ende doch Hoffnung gegeben.“
Zur Hoffnungsperspektive in der hoffnungslosen Welt, gesellen sich indessen noch weitere Erklärungen für die Hinwendung vor allem junger Menschen zum Glauben. Denn das Zeitalter der Multioptionalität im neoliberal geprägten Spätkapitalismus, welches uns zumindest in ethischer Hinsicht ein Prisma an Wahlmöglichkeiten offeriert, während sich die praktischen Verwirklichungschancen eines würdevollen Lebens seit Jahren verknappen, stellt für viele Menschen eine Zumutung dar. Die Option, sich aus dem Kerkerloch der „Freiheit“ zu befreien, nicht mehr wählen zu müssen, weil der Weg definiert ist, hat, wie bereits Jean-Paul Sartre erkannte, auf das Subjekt, das zum Selbstentwurf verdammt ist, stets eine sehr große Anziehungskraft – heute wohl noch stärker als in Sartres Epoche. Zudem kann das transzendente Sinnangebot als Kontrapunkt entfremdender Leistungsroutinen nicht zuletzt jene Menschen elektrisieren, denen das Rabotten perspektivisch nicht genügt.
Allein die „Hoffnungsperspektive“ und die „Flucht vor der Freiheit“ oder auch ein höheres „Sinnangebot“ mögen eine Hinwendung zum Glauben erklären – warum das Christentum zum jugendlichen Trend avanciert ist, erklärt sich aber sicher noch durch andere Faktoren.
Nun könnte man zunächst auf die Experimente mit Selbstkonzeptionen in den digitalen Weiten zu Zeiten des pandemischen Lockdowns verweisen – dann folgte auch das „Christing“ zumindest zum Teil den oft opaken Formeln der viralen Kontingenz und wäre ähnlich vergänglich wie possierliche Labubus.
Auch haben manche Sozialwissenschaftler eine durch den Lockdown der viralen Pandemie bedingte Malaise der Einsamkeit benannt, um ein wachsendes Bedürfnis nach Gemeinschaft zu erklären, das die Jugend schließlich auch bei Kirchen anklopfen ließ.
Doch auch diese Interpretationen können nicht vollumfänglich erklären, wieso die kürzlich noch mit ältlicher Patina bedeckte, jenseits jedweden Coolness-Verdachts situierte Lebensform im Zeichen Jesu Christi zur neuerlich gehypten Subkultur avanciert ist.
Nun könnte man natürlich auch schlicht davon ausgehen, dass Weltanschauungen und Lebensstile in der Moderne gleichsam dialektischen Konjunkturkurven unterliegen. War es eine Zeit lang angesagt, Agnostiker oder Atheist zu sein, formt die kulturelle Hegemonie dieses Typs aus sich selbst heraus eine Gegenbewegung. Zu diesen allgemeinen Konjunkturschwankungen gesellen sich indessen wohl spezifische Faktoren.
So führt insbesondere die weite Verbreitung eines queeren oder postheterosexuellen Mindsets in Teilen der Generation womöglich in anderen Teilen derselben zu einem konservativen Backlash und dem vermehrten Wunsch nach einem signifikanten und klar geregelten Geschlechtertableau. „Das Konservative kommt in meiner Generation immer mehr raus und wird immer extremer“, sagt die 17-jährige Katholikin Selenay, die am Walther-Rathenau-Gymnasium bald ihr Abitur macht. „Ich hab‘ das Gefühl, je mehr Leute einen auf LGBTQ machen, desto mehr werden auf der anderen Seite konservativ.“ Auch Selenay meint, Religion sei in ihrer Generation ein großer Trend geworden. Vor allem strengere Auslegungen fänden heute viele junge Leute attraktiv, „zum Beispiel, dass es keine schwulen Pfarrer geben sollte.“ Ilaria meint ähnliches beobachtet zu haben: „In der christlichen Bubble meiner Generation wird LGBTQ oft als Sünde betrachtet.“
Auch ein Blick in die Welt der christlichen Influencer-Szene scheint den Eindruck zu bestätigen, dass konservative, oder gar fundamentalistische Exegesen auf dem Vormarsch sind – und mit poppiger Aufmachung auf Menschenfang gehen. So betreibt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) unter dem Label „Yeet“ zwar ein eigenes Netzwerk protestantischer Content-Creator, die etwa christliche und queere Inhalte verbinden, und sich betont lässig und progressiv geben. Jedoch zählen etwa die Kanäle „Ja und Amen“ der Pfarrerin Maike Schöpfer und „Amen aber sexy“ des Pfarrers Tim Lahr jeweils deutlich weniger Follower als die der rechts-evangelikalen „Christfluencerinnen“ Jasmin Friesen mit ihrem Instagram-Account „Liebe zur Bibel“ und Jana Highholder, die auf Interviewanfragen des Philosophie Magazins nicht reagierten. Schaut man sich die Videos der beiden jungen Frauen an, fühlt man sich habituell an die fundamentalistische Figur der Serena Joy Waterford aus der Serie „The Handmaids Tails“ erinnert. Vor dem Hintergrund eines aseptisch anmutenden Interieurs (skandinavisch-hochwertiger Mattfarben-Schick) geben die im modernen Purity-Look gekleideten Frauen ihre biblizistische Auslegung der „Heiligen Schrift“ zum Besten. Statt auf eine archaisierende Gestaltung, setzt man auf hippe und moderne Ästhetik, die sich mit antimodernistischem Sprech über die verkommene Gegenwart verbindet und dabei dezidiert Personen adressiert, und insbesondere sehr junge Frauen, die der postmoderne Gender-Trouble-Hype überfordert. Gegen jene Freiheit, sein zu können, was man will, werden überlieferte Muster gesetzt, biblisch festgesetzte Rollenmodelle, religiös definierte Verhaltens-Codices.
So machen Friesen und Highholder deutlich, dass sie die Freiheit der modernen Gesellschaft nicht als zivilisatorischen Fortschritt, sondern als ein Zeichen des Niedergangs betrachten. In einem Video von Highholder erklärt die junge Frau: „Es gibt in der heutigen Zeit keine größere Lüge als die, dass unsere Freiheit das höchste Gut ist (…) Diese Freiheit hinterlässt uns, wenn wir sie ausleben (…) mit zerbrochenen Herzen (…).“ Auch Postings der beiden machen klar, wo sie stehen: „Warum Sex vor der Ehe dich zerstört“ heißt es dort, oder „Such dir einen Mann, der deiner Unterordnung würdig ist.“
Mit ihrer fundamentalistischen Religiosität, dem Aufbegehren gegen Geschlechterverwirrung, andere als die hergebrachten Formen von Heirat und die Abtreibung „ungeborenen Lebens“, ist das Weltbild der Christfluencerinnen auch anschlussfähig für rechte Akteure. Auch wenn die evangelikalen Postergirls den Schulterschluss mit der Neuen Rechten und den christlich-reaktionären Kräften der AfD, so etwa der Strömung um Beatrix von Storch, bislang noch nicht offen zelebrieren, fließen hier die Übergänge deutlich ineinander. So zeigt sich Friesen häufig auch mit Leonard Jäger, bekannt unter dem Titel „Ketzer der Neuzeit“. Jäger ist der einflussreiste Christfluencer Deutschlands mit fast 600.000 Abonnenten auf YouTube. Auch der „Ketzer“ bedient LGBTQ-Feindlichkeit und wirbt für klassische Rollenmodelle, ätzt aber auch gegen die Klimabewegung, Migranten und korrupte liberale Eliten, die sich die Gesellschaft zur Beute machen würden. Sein Content scheint dabei in allererster Linie eine depravierte Maskulinität zu adressieren, Friesen holt die Frauen ab, Jäger die Männer. Der „Ketzer“, der als verschwörungsideologischer und rechtspopulistischer Influencer zu Zeiten der Corona-Krise an den Start ging, hat schließlich seinen Weg in die Christenheit gefunden, und fraternisiert nicht nur mit dem Pfarrer Tobias Riemenschneider, der in Deutschland gerne eine christliche Theokratie verwirklicht sähe, sondern auch mit diversen AfD-Funktionären. „Wenn man vom neurechten Konzept der Mosaik-Rechten ausgeht, demnach unterschiedliche Strömungen am rechten Rand auf ihren jeweiligen Felden um kulturelle Hegemonie kämpfen sollen, kann man Leonard Jäger eindeutig im Vorfeld der AfD verorten“, urteilt Daniel Rudolphi, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Landekirche Hannovers.
Hier wird also nicht mehr bloß auf eine radikal-patriarchale Auslegung des Christentums im Sinne einer reaktionären Geschlechterordnung gepocht – vielmehr verbinden sich die religiösen Inhalte bei den deutschen Wannabe-Charlie-Kirks mit neurechten Diskursen eines genuin christlichen Abendlandes, das von jüdisch gelesenen Eliten zersetzt und muslimisch gelesenen Migranten überrannt werde.
Paradoxerweise hat der juvenile Hype auch ums explizit konservative Christentum nicht zuletzt wohl auch damit zu tun, dass der Islam in der Jugendkultur, so etwa im Hip Hop, eine Aufwertung erfuhr, und zum kulturindustriell bespielten Trademark avanciert ist – und auch damit, dass Identitätspolitiken von „Links“ ihre rechten Pendants stimulieren.
Wenn sich mehr und mehr deutsche Jugendliche aus muslimisch geprägten Familien (ob nun aufgrund rassistischer Exklusionserfahrungen durch die Mehrheitsgesellschaft, dem tradierten Fortwesen eingefleischter Traditionalismen oder schlicht der Hippnes identitätspolitischer Ansätze), auf die „eigene“ kulturelle Scholle kaprizieren, ein authentisches und stolzes Selbstsein zur Schau stellen, möchten womöglich manche „Alman“-Jugendliche ebenfalls das angeblich „Eigene“ performen.
Das muss freilich keinen Antagonismus bedeuten. So meint Johannes Hartl beobachtet zu haben, dass die Coolness und die „Normalisierung“ des Islams auch zur Re-Normalisierung des Christentums geführt hat. Das gilt auch für dessen konservative Variante, die keusche Hausfrauen und „Ehrenmänner“ preist, ganz gleich, welche Konfession das Vorzeichen bildet. Und in einer züchtigen Modernekritik können die Vertreter verschiedener Religionen ja durchaus auch ihre Gemeinsamkeiten finden. Genauso wie im karitativen Aspekt und den menschenfreundlichen Strängen des Glaubens.
Dass es vor allem zwischen modernistisch eingestellten Christen und Muslimen viel gegenseitige Toleranz gibt, während es zwischen reaktionär eingestellten Christen und Muslimen ebenfalls Toleranz, aber auch viel wechselseitige Feindschaft gibt, deckt sich auch mit Aussagen mehrerer Schüler. So erklärt Fiorella, Katholikin, 17 Jahre, Freundin und Klassenkameradin Selenays: „Wenn man sieht, dass andere sehr stolz sind auf ihre Religion oder ihre kulturelle Identität, können sich andere dazu aufgefordert fühlen, auch zu zeigen, wer sie sind oder wer sie sein wollen. So nach dem Motto: Cool, dass du Muslim bist und das zeigst, aber schau ich bin Christ und bin ebenfalls stolz.“ Diese Praxis sei teilweise erfüllt von Respekt, schlage aber leider, insbesondere im Netz, auch in aggressive Richtungen aus. Die gläubige Christin Fiorella sieht das kritisch, ihr gehe es, um ihre Beziehung zu Gott, die identitäre Dynamik von Gruppen, die den Hang haben, sich exklusivistisch zu verschließen und sich gegen andere Kollektive zu wenden, hält Fiorella grundsätzlich für gefährlich: „Es gibt Leute, die einfach zeigen wollen, dass sie Christen sind. Aber gerade in meiner Generation erlebe ich leider auch solche, die eine Art Absolutheitsanspruch vertreten.“
Die 17-Jährige Louis sieht das ähnlich. „Im Internet sieht man, dass viel über das Thema Religion konkurriert wird, da schaukeln sich dann Christen und Muslime aneinander hoch. Auch denken viele in meiner Generation eher konservativ, und lassen sich leider auch von Botschaften ansprechen, die die ideale deutsche und christliche Familie predigen.“ Auch die 15-Jährige Ilaria meint, vielen gehe es um Identität in Abgrenzung zu anderen Identitäten. So kann der Glaube auch von rechtsextremem Abendland-Denken (oder Islamismus) in Beschlag genommen werden. „Ich habe das Gefühl, dass jetzt, wo auf einmal alle möchtegernreligiös geworden sind, Hass und Diskriminierung enorm zugenommen haben. Viele haben neben dem Kreuz auch die Deutschlandfahne und das blaue Herz in ihren Bios. Es ekelt mich an, wenn Leute sich auf Religion beziehen, um Hass und Hetze gegen andere zu verbreiten“. Zum Glück aber sei das Religiöse bei vielen auch grundlegend anders ausbuchstabiert. „Für mich steht Religion vor allem für Nächstenliebe, es geht darum, Menschen mit Respekt zu begegnen.“ Die in vielfacher Hinsicht überfordernde Gegenwart stellt für eine stetig wachsende Nachfrage exklusiver Ordnungs- und Sinnangebote einen gleichsam idealen Nährboden dar. Dabei können sich Glaubenssysteme zu freiheitslimitierenden und intoleranten Identitätsgehäusen verschließen – sie können aber auch eine auf Mitmenschlichkeit zielende, als wertvoll erlebte Kulturtechnik sein.