Philosophie Magazin / 19.06.2026
Was sind die Gründe für den erstarkenden Autoriatarismus in Teilen der Linken? Woher kommt der zunehmende Judenhass in einem politischen Milieu, dass sich selbst als reflektiert und als progressiv vermeint? Und ist die aktuelle Radikalisierung dem Linksterrorismus von früher vergleichbar? Ein Gespräch.
Von Christoph David Piorkowski
Herr Potter, Ihr Buch, „Die neue autoritäre Linke“ hat nicht zuletzt eine persönliche Motivation. Im Netz und auf analogen Fahndungsplakaten wurde wiederholt dazu aufgerufen, Sie ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen. Wie ist es zu den Mordaufrufen gekommen?
Hass und Anfeindungen bin ich als Journalist gewöhnt. Ich beschäftige mich seit einigen Jahren mit demokratiefeindlichen Bewegungen unterschiedlichster Ausprägung. Damit geht leider einher, dass Leute versuchen, einen einzuschüchtern. Seit ich Antisemitismus von links kritisiere, kommt besonders aus dieser Richtung sehr viel Hass, seit dem 7. Oktober 2023 hat sich das noch einmal deutlich verschärft. Zunächst gab es eine Online-Diffamierungskampagne gegen mich, bald folgten analoge Aufkleber mit Vorwürfen, ich sei ein „Genozid-Propagandist“, bezahlt von Israel. Schließlich gab es dann in der Stadt zahlreiche Fahndungsplakate, die mit dem roten Dreieck der Hamas und der Aufforderung versehen waren, mich zu eliminieren.
Als ehemaliger Mitarbeiter der Amadeu-Antonio-Stiftung sind Sie lange vor allem von Rechtsextremen und Querdenkern bedroht worden. Was hat die Erkenntnis, dass Teile der Linken – also im Grunde Ihres eigenen Lagers – Sie tot sehen wollen, mit Ihnen gemacht?
Das trifft mich ganz anders. Wenn Bedrohungen von rechts außen kommen, kann ich das leicht externalisieren. Denn das sind ja typischerweise nicht die Leute, mit denen ich potenziell in der gleichen Kneipe oder auf der gleichen Party und insgesamt im gleichen Umfeld unterwegs bin. Wenn mich Linke bedrohen, fühlt sich das ganz anders an. Denn natürlich denkt man: Es ist wahrscheinlicher, dass ich denen über den Weg laufe. Das sind ja Akteure, die in linke Räume hineingehen, um ihre Kämpfe dort auszutragen und Diskurshoheit zu erlangen. Zusätzlich zur konkreten Bedrohung, trifft es mich auch emotional, dass Menschen, von denen ich eigentlich dachte, dass sie für ähnliche Werte einstehen, wie ich, und dass wir mit Rechtsaußen einen gemeinsamen Gegner haben, nun auf einmal insbesondere Personen wie mich, die etwa als linke Journalisten über Antisemitismus schreiben, und überhaupt die „Zionisten“, zu Feinden erklären. Das ist nicht nur für Juden und antisemitismuskritische Personen schrecklich. Nicht zuletzt kommt diese Entwicklung auch angesichts der hohen Umfragewerte rechtsextremer Parteien zur Unzeit.
Wie erklären Sie sich die Heftigkeit der Anfeindungen?
Abgesehen von der zunehmenden Radikalisierung und den manichäischen, also stark nach Freund und Feind sortierten Weltbilder, liegt die Vehemenz der Anfeindungen gegen mich und andere, die in eine ähnliche Richtung gehen, auch darin begründet, dass man uns als Nestbeschmutzer wahrnimmt. Dabei ist der Schmutz ja eigentlich schon da, nur wird nicht der Schmutz problematisiert, sondern die, die auf ihn aufmerksam machen. Letztlich geht es diesen Leuten auch darum, „die eigenen Reihen“ von vermeintlichen Verrätern zu reinigen.
Gruppierungen, die in ihrem Buch immer wieder auftauchen, sind „Samidoun“ und deren Nachfolgerin „Masar Badil“, Tarnorganisationen der palästinensischen Terror-Gruppierung „PFLP“. Dann die extremistisch-antizionistischen Gruppen „Jüdische Stimme“ und „Palästina spricht“. Ferner junge, sogenannte „rote Gruppen“, wie „Klasse gegen Klasse“, „Revolution“ und „Young Struggle“. Wer genau sind die besagten Akteure?
Die neue autoritäre Linke fügt sich aus mehreren Komponenten zusammen. Einerseits aus den besagten Gruppen, und den Aktivisten, die fest in ihnen organisiert sind. Die in Deutschland aktiven roten Gruppen sind dabei oft trotzkistisch, maoistisch oder stalinistisch geprägt. Womöglich könnte man jede K-Gruppe für sich genommen als irrelevante Randnotiz abtun, der harte Kern beschränkt sich vielleicht auf ein paar Hundert Leute. Aber – und das macht die autoritäre Linke viel bedeutsamer als es ihr organisierter Kern vermuten ließe – haben solche Gruppen insbesondere über Social Media eine enorme Reichweite und Kanäle mit zigtausend Followern. Auch organisieren sie gemeinsame Demonstrationen und schmieden Bündnisse nicht nur untereinander (trotz ideologischer Kleinstdifferenzen etwa zwischen Trotzkisten und Maoisten), sondern auch mit nominell weniger extremistischen Akteuren, zum Beispiel aus der Klimabewegung oder mit Vertretern der Linkspartei. Das bringt Synergie- und Normalisierungseffekte mit sich. Das Problem sind also nicht nur die dezidiert extremistischen Akteure, sondern dass heute in weiten Teilen der Linken, an den Universitäten, im Netz und auf der Straße, wieder vermehrt quasireligiöse Glaubensvorstellungen und stark binäre Freund-Feind-Unterscheidungen Konjunktur haben. Diese gehen mit einer Dämonisierung von allem einher, was im Verdacht steht, mit Israel solidarisch zu sein – und bringen umgekehrt oft eine Verherrlichung derer mit sich, die dem „imperialistischen Westen“ und Israel den Kampf ansagen – von Putin über das islamistische Regime im Iran, bis hin zu den Houthis oder der Hamas.
Inwiefern sind diese Vereinigungen, und mit ihnen verbündete Netz-Aktivisten als dezidiert autoritär zu bezeichnen?
Der Absolutheitsanspruch und die Ablehnung von Komplexität zugunsten eines eindeutigen Kampfes von Gut gegen Böse, der mit allen Mitteln geführt werden muss, sowie die daraus resultierende Bewunderung totalitärer Regime, sowie von Terrororganisationen, die zutiefst reaktionär und antiemanzipatorisch sind und den liberalen Westen gewaltsam bekämpfen, würde ich klar als Merkmale autoritärer Ideologiebildung werten. Auch die daraus resultierende Pressefeindlichkeit und das Bedürfnis, Journalisten zur Rechenschaft zu ziehen und zu bestrafen haben autoritäre Züge – da wird mitunter ein Nürnberg 2.0 und die Todesstrafe für jene Journalisten gefordert, deren Artikel einem nicht gefallen. Sodann würde ich die Übernahme rechtsextremer Kommunikationsmethoden nennen, von der instrumentalisierten Skandalisierung bis zur systematischen Verächtlichmachung von Personen, die abweichende Meinungen haben. Und schließlich würde ich noch die Anfeindung linker und liberaler Akteure anführen, die eben diese autoritären Tendenzen kritisieren, und die deshalb von der autoritären Linken als primäre Gegner gelabelt werden, gegen die auch gewalttätig vorzugehen sei. Innerhalb der organisierten K-Gruppen gibt es oft auch einen Top-Down-Gehorsam im Sinne des demokratischen Zentralismus leninistischer und stalinistischer Prägung, und eine martialische Selbstinszenierung. Das ist ein auf den Zugewinn von Stärke setzendes Identitätsangebot, das vorgibt, jungen Menschen aus der Ohnmacht zu helfen – ein Vorgang, der an das erinnert, was Adorno und Horkheimer in ihren Studien zum autoritären Charakter beschrieben haben.
Sie haben auch Verbindungen der neuen autoritären Linken zum türkischen und russischen Staat recherchiert. Was hat es mit diesen Allianzen auf sich?
In der Szene gibt es, ähnlich wie im Querdenker-Milieu, oft eine Pressefeindlichkeit gegen etablierte Medien, die als vermeintlich gleichgeschaltete „Staatsräson-Presse“ bekämpft werden. Was das daraus entstehende mediale Vakuum füllt, sind unter anderem die staatlichen Propaganda-Sender autoritärer Regierungen, wie die Russlands, oder der Türkei. Hier kommt es zum Beispiel in Dokumentationen über die vermeintliche Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Deutschland zu Kooperationen von deutschen Aktivsten aus dem sogenannten propalästinensischen Lager mit Erdogans Sender TRT World oder mit den russischen Portalen RT und Red Media – letzteres führt etwa unkritische Interviews mit den Vertretern von Hamas, den Houthis und der Hisbollah.
Auf der anderen Seite hat vor allem Russland seit langem ein Interesse daran, alle politischen Entwicklungen zu stärken, die zur Destabilisierung des Westens und der liberalen Demokratie beitragen, ob sie nun von links oder von rechts kommen, und sucht eine aktive Zusammenarbeit. In dieser Hinsicht ist Russland seit langem erfolgreich sowohl im AfD-Milieu als auch in Teilen der Linken tätig.
Wie kam es überhaupt zur Renaissance roter Gruppen?
Viele der roten Gruppen, die ich mir angeschaut habe, sind in den letzten 5 bis 10 Jahren entstanden. Zunächst aber waren sie relativ marginal und bedeutungslos. In der Corona-Pandemie, als viele junge Menschen verunsichert waren, und zu Hause alleine vor dem Rechner saßen, konnten diese Gruppen dann ein für viele junge Menschen attraktives Identitätsangebot platzieren. Die vereinfachenden Welterklärungsmodelle des Trotzkismus zum Beispiel haben meiner Wahrnehmung nach vielen jungen Leuten dabei geholfen, die Komplexität einer bedrohlichen Wirklichkeit zu reduzieren und Schuldige für die allgemein problematische Lage auszumachen. Das wichtigste Ereignis für den Bedeutungsgewinn dieser Gruppen war aber ohne Zweifel der 7. Oktober. Die fundamentalistischen Aktivisten, die die besagen Freund-Feind-Weltbilder und die Dämonisierung Israels gepredigt haben, saßen bereits in den Startlöchern und hatten noch am selben Tag ihre in den sozialen Medien breit gestreuten Narrative parat, denen zufolge es sich bei dem Massaker der Hamas um einen „Gefängnisausbruch“ und um antikolonialen Widerstand handele. Diese vermeintliche Legitimierung der Gräuel-Taten der Hamas hat inzwischen leider viele junge Leute überzeugt.
Die auch von der Hamas und dem iranischen Regime mitinitiierte Bewegung BDS ist ein im Antisemitismus geeintes links-islamistisches Querfront-Projekt. Gibt es für die Linksautoritären von heute irgendeine Form von Brandmauer-Ethos gegenüber judenfeindlich-islamistischen Akteuren wie Hamas, Houthis oder Hisbollah?
Meiner Wahrnehmung nach gibt es hier mehrere Abstufungen. Natürlich distanzieren sich auch manche Aktivisten von der Hamas oder dem Mullah-Regime im Iran. Dann gibt es viele, die die Hamas nicht direkt gut heißen, aber meinen, es sei „paternalistisch“, den Palästinensern vorzuschreiben, wie sie sich zu wehren haben und dass deren Gewalt ein legitimer Ausdruck von Widerstand sei. Am Ende des Spektrums gibt es die, die die Hamas und das iranische Regime feiern und bewundern und offen zu deren Unterstützung aufrufen, weil sie ein revolutionärer Partner im Kampf gegen den Westen seien. Das Problem ist, dass auf den großen Palästina-Demos stets das gesamte Spektrum vertreten ist. Hier vermisse ich Kritik von moderateren Akteuren, etwa aus der Linkspartei. Kritische Aufarbeitung antisemitischer und volksverhetzender Vorfälle auf diesen Demos gibt es so gut wie gar nicht, zum Beispiel, dass man sich fragt, wie man damit umgeht, dass einige Demo-Teilnehmer das rote Dreieck der Hamas hochhalten, oder wie man damit umgeht, dass Pressevertreter geschlagen und angespuckt werden. Stattdessen wird die vermeintliche oder tatsächliche polizeiliche Repression skandalisiert, die zwar manchmal übers Ziel hinausschießt, was ich überhaupt nicht rechtfertigen will, die leider aber manchmal auch gerechtfertigt ist. Da wird dann skandiert, wir befänden uns in einem Polizeistaat, weil diese oder jene Demo verboten oder aufgelöst wurde. Die Frage, warum das so ist, wird überhaupt nicht kritisch reflektiert. Man könnte ja auch gegen den israelischen Krieg in Gaza und das schreckliche Leid, sowie für Solidarität mit palästinensischen Zivilisten demonstrieren und gleichzeitig klar machen, dass Hamas-Versteher und Gewalttäter auf der Demo nichts zu suchen haben. Diese Abgrenzung aber findet kaum statt.
Bereits große Teile der nominell von Moskau losgelösten Neuen Linken im westlichen Europa gaben sich nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 einem unverblümten Antisemitismus hin, der sichtbar vom spätstalinistischen „Antizionismus“ geprägt war. Der jüdische Staat wurde radikal verteufelt, immer wieder als der „Feind aller Völker“ und Inbegriff des Imperialismus gegeißelt. Zugleich wurden die nationalen Befreiungsbewegungen des „Trikonts“, ungeachtet ihrer oft reaktionären Agenden, als „revolutionäre Subjekte“ fetischisiert. Heute, und verstärkt seit dem 7. Oktober 2023, scheint sich diese Geschichte unter postkolonialen Vorzeichen zu wiederholen. Ist die neue autoritäre Linke im Grunde die alte autoritäre Linke, ergänzt um die Talking Points des Postkolonialismus?
Zunächst einmal ist es natürlich eine Tragik der Geschichte, dass die Neue Linke, die unter anderem angetreten war, um den Autoritarismus der Sowjetunion zu bekämpfen, selbst sehr bald in autoritäre Muster verfiel. Ich glaube, vieles von damals kehrt heute wieder. Und ja, heutzutage verschmilzt eine altbackende antiimperialistische Theorie mit Elementen des postkolonialen Denkens. Die Ideologie ist dabei oft aber kaum kohärent, und auf einige Talking Points und Schlagwörter wie den „antiimperialistischen Kampf“ oder die „Dekolonisierung“ verkürzt. Es gibt aber auch gravierendere Unterschiede als die auf der theoretischen Ebene. Natürlich war auch der Sechs-Tage-Krieg ein historischer Kipppunkt, in dessen Folge Israel von der Linken nicht mehr als unterstützenswerter sozialistischer Pionierstaat, sondern als militärischer Platzhirsch wahrgenommen wurde. Der 7. Oktober ist aber nochmal eine Zäsur ganz anderen Ausmaßes, natürlich für Juden, Israelis und Palästinenser, aber auch für die globale Linke. Das Massaker der Hamas war von einer solchen Grausamkeit geprägt und hat den eigentlich hoch gerüsteten jüdischen Staat als derart verletzlich und schwach offenbart, dass die vermeintlichen Täter von vorher plötzlich notwendig als Opfer erschienen. Das hat nicht in das einschlägige Weltbild gepasst und musste unbedingt projektiv abgewehrt werden. Deshalb haben viele umso heftiger nachgetreten und Israel paradoxerweise bereits am 7. und 8. Oktober einen Genozid vorgeworfen, also während die Hamas noch in den Kibbuzim wütete. Ein weiterer Unterschied ist, dass es in der alten Neuen Linken zwar eine Verherrlichung säkular-nationalistischer Gruppen wie der PFLP gab, die auch am 7. Oktober beteiligt war und mit der Hamas kooperiert. Das Neue der autoritären Linken der Gegenwart aber ist der Schulterschluss mit dem islamistischen Terror, der den linksnationalistischen Terror im arabischen Raum weitgehend abgelöst hat.
Ein weiterer zentraler Unterschied zu früher sind die sozialen Medien. Ich bin immer wieder schockiert, wie die Botschaften der neuen autoritären Linken auch außerhalb der dogmatischen Gruppen Resonanz finden; dass Propaganda-Clips von Red Media viral gehen und ein Millionenpublikum erreichen. Auch die Agitation von Klasse gegen Klasse oder Young Struggle erreicht in den sozialen Medien viel mehr Menschen, zum Beispiel aus der Kunst- und Kulturszene, als es der K-Gruppen-Propaganda von früher möglich gewesen wäre. Insofern bleibt deren Ideologie keineswegs auf die Bubble beschränkt.
Demnach sind die neo-leninistischen, trotzkistischen, stalinistischen und maoistischen Gruppen, und die sich postkolonial verortenden Gruppierungen nicht sauber voneinander getrennt. Vielmehr herrscht ein theoretisch-praktisches Potpourri vor?
Ja das trifft es ziemlich genau. Eigentlich sind sich nicht mal die trotzkistischen Gruppen untereinander einig – zum Beispiel was die orthodoxe Auslegung des Trotzkismus anbelangt. Ein Beispiel: Obwohl das Netzwerk Marx 21 innerhalb der Linkspartei nicht das einzige trotzkistische Netzwerk war, hat sich dieses vor rund zwei Jahren nochmals in drei Untergruppen aufgespalten. Das wirkt manchmal fast ein bisschen Monty-Python-mäßig. Da gibt es also große Differenzen im Klein-Klein, über die man sich nicht einig wird. Geschweige denn, dass sich Trotzkisten mit Maoisten oder postkolonialen Gruppen einig wären. Diese ideologischen Detaildifferenzen spielen aber in der antiimperialistischen Blockfront-Mentalität und im gemeinsamen Kampf gegen Israel und den Westen keine Rolle. Da herrscht dann zum Beispiel der gemeinsame Glaube vor, dass Russland eigentlich ein antifaschistisches Land sei, genau wie China und natürlich der Iran. Das manichäische Denken, das die Welt in den guten globalen Süden und den bösen globalen Norden unterteilt und der damit oft einhergehende Antisemitismus, ist auch im Postkolonialismus zentral. Hier wird die Waffengewalt der Hamas und anderer Gruppen dann als authentischer Widerstand des globalen Südens und der guten Indigenen gegen den imperialistischen Westen fetischisiert. Auch wenn es innerhalb der autoritären Linken Differenzen gibt, sind die Gemeinsamkeiten vor allem in der Feindbestimmung wichtiger.
Offenkundig wirken die historischen Tradierungen durch den (post)stalinistischen Antisemitismus in den Ländern des Ostblocks und den antiimperialistischen Antisemitismus der Westlinken bis heute nach. Zudem gibt es eine ideologische Affinität vulgär-dekonstruktivistischer und postkolonialer Theorien zu antijudaistischen und antisemitischen Weltbildern. Von den tradierten Mustern und den akademischen Curricula der Gegenwart abgesehen, scheint es aber auch die kollektive Ohnmacht der zeitgenössischen Linken zu sein, die ihren projektiven Judenhass befördert. Die Palästinenser werden als Inbegriff der Ohnmacht idealisiert und nicht selten zur Speerspitze einer vermeintlichen Befreiung von sämtlichen Übeln unserer Zeit fantasiert. Die kapitalistische Totalität wird am Israelpseudos scheinbekämpft, der Antizionismus ist in Zeiten, da die Linke globalpolitisch immer bedeutungsloser wird, zur ersatzsrevolutionären Handlung geworden. Auch die Klimabewegung und die identitätspolitische Linke scheinen vom vermeintlichen Kampf für die „palästinensische Sache“ komplett absorbiert worden zu sein, nicht zuletzt Greta Thunberg steckt tief im Sumpf des linksautoritären Antisemitismus. Viele linke Gruppen sind zu monothematischen Bewegungen geworden. Die erlösungsantizionistische Wahn-Vorstellung „Palestine connects all Issues“ und „Palestine will set us free“ ist auf den weltweiten Campus zu einem weitverbreiteten Glaubenssatz geworden, während die Kufija zum wohl beliebtesten modischen Accessoire der Generation Z und zur Uniform der konformistischen Revolte avanciert ist.
Psychodynamisch ist es dabei ein enormer Gewinn, das aufgespeicherte antijüdische Ressentiment in eine moralische Haltung zu kleiden; sich fürs Hassen auch noch selbst ein Kompliment machen zu können, wenn man als Anwalt der angeblich reinen und friedliebenden Opfer die Stimme erhebt.
Sehen Sie überhaupt eine Möglichkeit, dass die Mehrheit der autoritären Linken aus dieser schiefheilenden und identitätsstiftenden Ideologie wieder herausfindet? Oder übt der Antizionismus als vermeintliches Bewältigungstool für die ansonsten unlösbar erscheinenden Dauerkrisen unserer Zeit einfach eine zu große Anziehungskraft aus?
Das was Eva Illouz den tugendhaften Antisemitismus nennt…
…und was Jean Améry den ehrbaren Antisemitismus nannte…
…ist weit verbreitet und für viele Leute in der Tat identitätsstiftend. Ein Beispiel: Neulich hat die britische Feministin Sally Roony…
…die sich schon vor vielen Jahren eine Übersetzung ihrer Bücher ins Hebräische verbeten hat, aber kein Problem mit Übersetzungen ins Russische, Türkische, oder Arabische hat…
…auf einem antiisraelischen Kongress eine Rede gehalten, in dem es vielmehr um sie selbst, also ihre Biografie zu gehen schien, als etwa um das Leid der Palästinenser. Sie fragte sinngemäß: Wie können wir weiter machen in diesen Zeiten? Und antwortete sich selbst, es sei der Palästinaaktivismus, der ihr die nötige Kraft dazu gebe und ihrem Leben einen Sinn und einen Zweck gebe. Angesichts eines Bankrottgefühls durch die empfundene Übermacht des kapitalistischen Systems, sucht sie wieder Sinn in ihrem Leben, indem sie alle Verzweiflung und Enttäuschung über die Gesamtsituation auf diesen Konflikt projiziert. Der Kampf gegen Israel geht in diesem Weltbild mit einem Erlösungsanspruch einher. Sicher können manche aus dieser Ideologie auch wieder herausfinden und sich deradikalisieren. Insgesamt aber wird Antisemitismus weder in der Linken, noch sonst irgendwo verschwinden, auch nicht, wenn der Nahostkonflikt irgendwann beendet sein sollte, und auch dann nicht, wenn es keine Juden mehr gibt. Antisemitismus ist schon immer ein sehr attraktives Mittel, um mit der Krisenförmigkeit der Welt umzugehen und komplexe Probleme auf einfache Formeln zu bringen. Für mich stellt sich die Frage, wie wir die erreichen, die im Begriff sind, sich zu radikalisieren, aber noch nicht komplett in ihrer Ideologie verschwunden sind. Hier sind auch linke Aktivisten selber gefragt. Auch jene, die sich mit Menschen in Palästina solidarisch zeigen wollen, könnten ja Grenzen ziehen und darüber nachdenken, ob sie sich nicht von denen distanzieren wollen, die zur Intifada aufrufen.
Die Neue Linke der 60er- und 70er-Jahre erging sich nicht zuletzt in antisemitischem Terror und verübte, mal im Alleingang, mal in Kooperation mit palästinensischen Terroristen, Anschläge gegen Juden. Auch aus der Neuesten Linken sind bereits Anschläge gegen Institutionen und Menschen verübt worden, die „zionistisch“ sind oder so wahrgenommen werden. Zudem werden Juden in zahlreichen Ländern drangsaliert, eingeschüchtert, angegriffen, viele wandern nach Israel aus, weil sie den Hass nicht mehr ertragen. Großbritannien zum Beispiel wird derzeit auf mehreren Ebenen von einer antisemitischen Welle überrollt. Nicht nur bei linken und rechten Politikern ist Antisemitismus salonfähiger Alltag, auch hat es in Nordlondon wiederholt Brandstiftungen und Angriffe auf Synagogen und jüdische Einrichtungen gegeben, zwei Juden wurden auf offener Straße niedergestochen. Das mit dem Mullah-Regime assoziierte Terrornetzwerk Hayi wiegelt Menschen dazu auf, antisemitische Anschläge zu verüben, jüngst waren Mordanschläge auf die Präsidenten des deutschen Zentralrats der Juden und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Joseph Schuster und Volker Beck geplant. Auch wenn letztere Anschläge nicht von linken Akteuren geplant waren – sehen Sie die Gefahr einer zu damals vergleichbaren Terrorentwicklung autoritär-linker Gruppen und Einzelpersonen in den westlichen Ländern?
Grundsätzlich ist die Gefahr real. Was ich für unwahrscheinlich halte, ist, dass linke Terroristen wie damals in den Nahen Osten reisen, um eine paramilitärische Ausbildung zu erhalten. Auch die seinerzeit gängige Praxis der Flugzeugentführung ist seit den Sicherungsvorkehrungen im Anschluss an die Terroranschläge von 9/11 praktisch zum Erliegen gekommen, ich glaube nicht, dass das noch einmal Konjunktur haben wird.
Form und Mittel sind also anders als damals. Was man aber jetzt schon sieht, ist, dass mutmaßlich iranische Proxygruppen europaweit niedrigschwellige Anschläge durchgeführt haben, in dem sie vor allem junge Leute rekrutierten, um Brandanschläge zu verüben, in England, in Belgien, in den Niederlanden, in Deutschland, wo es kürzlich einen Brandanschlag auf ein israelisches Restaurant in München gab. Es gab auch einen auf die Kneipe Bajszel in Berlin Neukölln, verübt von unbekannten Tätern. Im Moment sind diese Täter noch oft finanziell oder islamistisch motiviert, aber dass solche niedrigschwelligen Anschläge vermehrt auch unter dezidiert linken Vorzeichen stattfinden werden, halte ich für sehr wahrscheinlich. Gruppen, wie Palestine Action…
… die zum Beispiel von Sally Roony und der Schauspielerin Tilda Swinton unterstützt werden…
… begehen bereits Angriffe, etwa auf jüdische Geschäfte in London, von denen sie fälschlicherweise behaupten, die hätten Verbindungen zu israelischen Rüstungsfirmen; auch auf Rüstungsfirmen selbst haben Mitglieder von Palestine Action in mehreren Ländern Anschläge verübt, und scheuen dabei auch nicht vor Waffengewalt zurück; haben etwa einer Polizistin mit einem Vorschlaghammer die Wirbelsäule gebrochen. Also die Hemmschwelle sinkt. Gleichzeitig muss man konstatieren, dass es, wie die Forschung zeigt, oft eine Diskrepanz zwischen Motivation und Fähigkeit gibt. Viele linke Aktivisten wollen die Intifada globalisieren, aber nicht alle können oder wollen selbst Anschläge begehen. Aber letztlich braucht es ja, wie das Beispiel des von einem mutmaßlich linken Aktivisten ermordeten Pärchens in Washington vor dem Jüdischen Museum zeigt, auch nicht viele Leute, um einen Anschlag mit verheerender Wirkung durchzuführen.
Das müssen nicht mal organisierte Gruppen sein. Wie am rechten Rand radikalisieren sich auch auf der linken Seite Einzelpersonen durch Ideologieangebote in digitalen Echokammern. Hier findet sich eine Atmosphäre der Gewalt, in der Terror legitimiert und verherrlicht wird und permanent Schuldige und zu bestrafende Personen identifiziert werden. Auch der Rechtsterrorismus und der islamistische Terrorismus funktionieren heute oft so, dass einzelne aufgehetzte Akteure zur Tat schreiten – ohne dass es richtig wäre, sie als Einzeltäter zu bezeichnen, denn die Szene und die Ideologie haben an der Tat natürlich mitgewirkt.
Jenseits von Medien wie Red Media und TRT World, sowie digitalen Influencern, rechnen Sie zum publizistischen Vorfeld einer autoritären, „antiimperialistischen Linken“ auch die Zeitungen „Junge Welt“ und – mit Abstrichen – das ND. Wie sind diese mit den roten Gruppen und den anderen einschlägigen Akteuren des neuen Linksautoritarismus verbandelt?
Sie gehören zum selben Umfeld. Die Junge Welt hat eine chronisch verharmlosende Haltung gegenüber der Hamas, eine Autorin zum Beispiel postet auch immer wieder rote Dreiecke und Hamas-verherrlichende Posts auf Social Media, den 7. Oktober hat die Zeitung als Gefängnisausbruch beschrieben. Auch ist das Blatt natürlich sehr Putin-freundlich, Vertreter des russischen Regimes schreiben dort Gastbeiträge. Wobei die Junge Welt viel problematischer ist als das ND. Aber auch beim ND oder der Zeitschrift Jacobin mache ich mir große Sorgen um deren Entwicklung. Solche Medien fungieren als Sprachrohr der Bewegung. Dabei verhalten sie sich in erster Linie aktivistisch, nicht journalistisch. Sie sind Teil der neuen autoritären Linken.
Die autoritäre Linke hat auch ein großes subkulturelles Vorfeld. Welche Rolle spielen musikalische Acts wie Kneecap und Macklemore im Kontext der Verbreitung von Antisemitismus?
Musik hat immer etwas identitätsstiftendes. Auch aus der rechtsextremen Szene ist bekannt, dass Musik häufig wie eine Art Einstiegsdroge funktioniert. Verstaubte Theorien und menschenverachtende Politik bekommen durch subkulturelle Phänomene einen subversiven Anstrich. Konzerte als Gemeinschaftsrituale haben in jeder extremistischen Blase eine wichtige Funktion. Bands wie Kneecap sind zunächst der kulturelle Ausdruck einer politischen Entwicklung, die es ohnehin gibt, aber befeuern das Phänomen auch, in dem sie der Bewegung einen Sound liefern. Kneecap sind für viele Ikonen, die auf riesigen Festivals spielen und Hallen füllen. Wenn junge Menschen, die möglicherweise zurecht mitgenommen sind von den Bildern aus Gaza, die Musik von Kneecap hören, die sich als Palästinasolidarisch inszenieren, islamistische Terrororganisationen verherrlichen und Hisbollah-Fahnen auf der Bühne schwenken, hat das eine agitierende Wirkung. Die Subkultur hilft Antisemitismus und autoritäres Gedankengut zu normalisieren.
Die gewaltbereite links-autoritäre Szene mag relativ überschaubar sein. Wie im rechten Lager, scheint es aber eine riesige Menge an Sympathisanten, respektive an „moderateren“ Israel-Gegnern zu geben, die sich an den gewaltsamen Worten und Taten ihrer Geistesgenossen nicht zu stören scheinen. Gibt es – jenseits der kleinen ideologiekritischen Bubble in Deutschland und Österreich – auf Seiten der Linken (zumal im globalen Maßstab) nennenswerte Kritik am antisemitischen Furor des neuen Linksautoritarismus?
Leider kaum, und weltweit wenn, dann überhaupt nur vereinzelt. Die französische Journalistin Nora Bussigny zum Beispiel, hat kürzlich ihre einjährige Undercover-Recherche in linksextremistischen propalästinensischen Netzwerken unter dem Titel „Die neuen Antisemiten“ veröffentlicht und genau wie ich kritisiert, dass es innerhalb der Linken kaum Abgrenzung gegenüber autoritären und antisemitischen Positionen gibt. In Großbritannien gibt es den antifaschistischen Journalisten Paul Mason, mit dem ich auch für mein Buch gesprochen habe, und der die aktuelle Entwicklung der Linken ebenfalls kritisiert. Aber das sind nur Einzelstimmen. Dass es im linken Milieu hier kaum Kritik gibt, ist wirklich desillusionierend.
Es ist ja nicht nur die linke oder linksradikale Szene, in der der Antisemitismus salonfähig ist. Auch in weitesten Teilen der linksliberalen Kunst- und Kulturszene sind – oft vermittelt über trendige Gemeinplätze der postkolonialen Theorie – israelfeindliche und antisemitische Denkweisen Alltag. Universitäten sind zu Hotspots des Judenhasses geworden. Blickt man auf die linken und linksliberalen Szenen von Ländern wie England, Irland, Griechenland, Spanien oder den USA, scheinen Antisemitismus und Terrorverherrlichung das neue Normal zu sein. Der New Yorker Bürgermeister ist ein BDS-Unterstützer. Selbst in Deutschland und Österreich, wo sich, angestoßen durch die vielgestaltige antideutsche Strömung seit den 1990er-Jahren eine elaborierte Antisemitismuskritik entwickelt hat, greift der Judenhass immer weiter um sich. Sie zeigen in Ihrem Buch, dass auch die Linkspartei, und insbesondere weite Teile der Linksjugend Solid, sich zunehmend antisemitisch entwickelt.
Die Partei ist zu einem Sammelbecken für das geworden, was ich als neue autoritäre Linke bezeichne. Viele vernünftige Leute, wie Klaus Lederer, verlassen die Partei. Viele neue Leute sind eingetreten, die Mitgliederzahl hat sich verdoppelt, aggressive Antizionisten haben deutlich an Gehör gewonnen. Das ist fatal. Innerhalb der Linksjugend zirkulieren Gewalt- und Reinigungsfantasien im Hinblick auf Genossen, die nicht auf Linie sind. Das ist für eine demokratische Partei völlig inakzeptabel.
Drohungen gegen und Einschüchterungen von Andersmeinenden in der Partei. Völlige Distanzlosigkeit auch von den Parteispitzen Jan van Aaken und Ines Schwerdter gegenüber radikalen Judenhassern. Ein Kuscheln von Bundestagsabgeordneten wie Ferat Cochak mit Hamas- und Samidoun-Terroristen. Der Parteibeschluss des niedersächsischen Landesverbandes, der eine Ablehnung des Zionismus, also letztlich der Selbstbestimmung von Jüdinnen und Juden, zur politischen Leitlinie macht. Es gibt langjährige Mitglieder, die meinen, wenn die Entwicklung so weiter geht, sei die Partei im Begriff, eine antisemitische Sekte zu werden. Der scheidende Parteichef Jan van Aaken aber meint, der linke Antisemitismus werde überbewertet und „die Partei sei auf einem guten Weg“. Ist das einfach nur naiv oder wissen Schwedter und van Aaken, dass sie die Antisemiten brauchen, um ihren aktuellen Höhenflug fortzusetzen?
Ich glaube, die wollen durchfliegen und die eigene Basis nicht verprellen. Auf jeden Fall haben sie viel zu wenig gegen die antisemitischen Auswüchse in der Partei unternommen. Der aktuelle Erfolg der Partei ist, so meine ich auch, von ihrer mehrdeutigen Haltung gegenüber dem Staat Israel getragen. Also ja, die brauchen die antizionistischen Strömungen für ihren Erfolg.
Jüngst hat sich in der Linkspartei ein Arbeitskreis „Antiautoritäre Linke“ gegründet, um dem antisemitischen Furor insbesondere in der Linksjugend etwas entgegenzusetzen. Können Gruppen wie diese oder auch der „BAK Schalom“ auf die Partei noch einen mäßigenden Einfluss ausüben?
Hier könnte ich nur spekulieren. Ich begrüße es natürlich sehr, wenn es solche Gründungen gibt. Aber wie die derzeitigen Machtkämpfe in der Partei langfristig ausgehen, weiß ich nicht. Im Moment sind Autoritarismus und Antizionismus auf dem Vormarsch. Was von dieser Partei am Ende noch zu retten sein wird, muss sich zeigen.
In ihrem Buch erwähnen Sie immer wieder die dezidierte Pressefeindschaft der neuen autoritären Linken, die stark an jene von Rechtsextremisten und Querdenkern erinnere. Die autoritäre Linke hält die Berichterstattung der Presse nicht bloß für einseitig, sondern als vom „Zionismus“ gesteuert – ein verschwörungsantisemitischer Wahn. Im Gegensatz zu dem, was die autoritär-linken Aktivisten meinen, zeigen Studien, wie die jüngst von Jonas Hessenauer und Lukas Uwira veröffentlichte über „Israel in deutschen Medien“, dass dieses so gut wie jeden Tag heftig kritisiert wird, oft ohne jedes Maß, die komplexe Wirklichkeit derealisierend, und mit dämonisierenden Zuschreibungen. In den öffentlich-rechtlichen Medien etwa herrschen oft doppelte Standards und verzerrende Darstellungen vor, die den komplexen Konflikt auf ein simples Täter-Opfer-Schema reduzieren. Die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel spricht von Feuilleton-Antisemitismus. In den meisten anderen Ländern ist es dabei noch schlimmer als in Deutschland. Auch für Ihre Zeitung, die taz – die Sie nun im Begriff sind, zu verlassen – sind Personen tätig, die einen irrlichternden Blick auf den Nahost-Konflikt haben. Wie gehen sie damit um?
Meiner Wahrnehmung nach erscheinen in den meisten Zeitungen innerhalb des demokratischen Spektrums sowohl gute als auch schlechte Artikel. Und naturgemäß gibt es vor allem zum Thema Nahost aus verschiedenen Richtungen oft starke Meinungen bei gleichzeitig wenig Ahnung. Auch in der taz gibt es immer wieder Artikel, die ich sehr kritikwürdig finde. Aber die Zeitung bildet nun einmal eine Pluralität von Stimmen ab, was ich richtig finde. Das Absurde bei der Pressefeindlichkeit der neuen autoritären Linken ist ja gerade, dass sie sich gegen Medien richten, die eine ausgewogene Berichterstattung haben. Dass auch die taz angegriffen und mit Gaza-Parolen beschmiert wird, die nun wirklich nicht im Verdacht steht, im Israel-Palästina-Konflikt eine einseitige Position zu haben, ist auf jeden Fall bezeichnend.
Nicht nur die Kulturszene zeigt sich (im besten Fall) indifferent gegenüber Antisemitismus. Auch unter Wissenschaftlern und Philosophen, selbst unter solchen, die sich als Anhänger der Kritischen Theorie bezeichnen, herrscht mit Blick auf das Thema mindestens eine krasse Ahnungslosigkeit vor. Kürzlich haben sich prominente Denkerinnen und Denker aus Deutschland und anderen Ländern (u.A. Eva von Redecker, Daniel Loick, Vanessa Thomson, und sogar Axel Honneth) mit der UN-Sondergesandten für die besetzten Gebiete Palästinas, Francesca Albanese, solidarisiert, eine der einflussreichsten Antizionistinnen der Gegenwart, die in Doha mit Vertretern der Hamas und des iranischen Regimes auftritt, Israel als „gemeinsamen Feind der Menschheit“ bezeichnet (später korrigierte sie, sie habe das „System“ dahinter gemeint, was die Aussage nicht weniger antisemitisch macht), die ferner eine zionistische Weltverschwörung insinuiert, und am internationalen Frauentag die israelischen Vergewaltigungsopfer vom 7. Oktober verhöhnt. Wie kann es sein, dass sich namhafte Intellektuelle mit einer solchen Person solidarisieren?
Was die jeweiligen Motivationen der genannten Personen anbelangt, kann ich nicht sagen. Wir haben ja schon darüber gesprochen, dass es von der Linken im Hinblick auf Antisemitismus aktuell wenig Kritik gibt. Und ja, es gibt einige Intellektuelle, die alle möglichen offenen Briefe unterschreiben, diese Art von Aktivismus ist oft ein „Virtue Signaling“, eine Performance des eigenen Gutseins. Andererseits weiß ich, dass hier auch mit sozialem Druck und Gruppenzwang gearbeitet wird. Also es gibt verschiedene Beweggründe für das Zeichnen solcher Briefe. Was Francesca Albanse angeht, die immer wieder mit wahnhaften, schlicht falschen Aussagen auffällt, muss man schlicht festhalten, dass sie längst hätte zurücktreten müssen.
Obwohl es sich beim 7. Oktober um eine der bestdokumentierten Gewalttaten aller Zeiten handelt, und massenhaft Frauen vergewaltigt worden sind, haben zahllose Frauenrechtsorganisationen zur sexualisierten Gewalt der Hamas geschwiegen oder sich erst spät und verhalten geäußert. Überhaupt wurde das schlimmste Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Shoah in der globalen Linken wahlweise beschwiegen, bagatellisiert, gerechtfertigt oder gefeiert. Vor diesem Hintergrund muss man ein moralisches, politisches und intellektuelles Totalversagen der Linken als einer progressiven Bewegung konstatieren. Während ein antiimperialistischer und postkolonialer Manichäismus den linken Mainstream dominiert, meint die Soziologin Eva Illouz, es sei nun an der Zeit, eine rationale Linke wieder aufzubauen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen, die ja durchaus an eine Art Massenpsychose erinnern – für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass die Linke zur Vernunft findet?
Die globale Linke tut sich sicher keinen Gefallen damit, dass sie ihre vernünftigen Elemente, die eigentlich Verbündete sind, zu Feinden erklärt und bekämpft. Im Moment sieht alles sehr düster aus, und ich bin ziemlich pessimistisch. Aber langfristig hoffe ich, dass doch einige zur Vernunft finden werden. In der Linken gab es immer Erneuerungsprozesse, Teile der Linken sind in ihrer Geschichte ja durchaus dazu fähig gewesen, Fehlentwicklungen aufzuarbeiten. Und progressive, emanzipatorische Politik braucht es ja eigentlich gerade jetzt ganz besonders.
Die extreme Rechte ist weltweit auf dem Vormarsch. Was bedeutet es für den notwendigen Kampf gegen rechts, wenn sich die Linke in ihrem pathisch-projektiven Palästina-Tunnel verbuddelt?
Das ist das Fatale, es kommt zur Unzeit. Nicht nur für Jüdinnen und Juden besteht eine große Gefahr darin, dass jetzt, wo beispielsweise in Deutschland die AfD erstarkt, die Linke verstärkt mit sich selbst beschäftigt ist, und – von einem performativen sowie ideologischen Israel-Hass getrieben – den „Zionismus“ und die „Verräter“ in den eigenen Reihen als wesentliche Feinde markiert. Damit tut sie weder der demokratischen Gesellschaft, noch sich selbst einen Gefallen.
Eine Linke, die den Antisemitismus vergisst, ist keine, meinte der Shoah-Überlebende Jean Améry. Was kann es heute, da die Linke ihn vielfach nicht nur vergisst, sondern sich ihm leidenschaftlichen hingegeben hat, überhaupt noch bedeuten, sich als Linker zu begreifen, wenn man gleichzeitig antisemitismuskritisch ist?
Hier muss man leider sagen, dass Antisemitismus in gewisser Weise immer schon zum Linkssein dazugehörte, seit Anbeginn der Linken, immer wieder im Verlauf ihrer Geschichte, gibt es darüber Auseinandersetzungen. Die antisemitischen Irrwege gehören zur Geschichte des Linksseins dazu und es wird sie auch in Zukunft geben. Wenn man aus einer linken Perspektive die Missstände der Welt identifiziert und nach Erlösung strebt, sind die Verschwörungsideologie, das Ausmachen von Schuldigen und eben der Antisemitismus immer als eine fasche Denkmöglichkeit gegeben. Früher wurden jüdische Bankiers als Weltenlenker imaginiert, heute – aktuell zum Beispiel bei der britischen Green Party – vermehrt die „zionistischen Eliten“ – die angeblich die Medien und das Land kontrollieren. Zur Frage, was das für antisemitismuskritische Linke bedeuten kann: Wenn man emanzipatorische Politik macht, geht es ja nicht darum, alles was unter den Begriff des Linksseins fällt, als Teil der eigenen Lager-Position zu begreifen. Überhaupt ist es doch eigentlich egal, ob man seine Politik zuletzt als links bezeichnet oder nicht – schließlich geht es um die Inhalte derselben.