Philosophie Magazin / 02.01.2026
Bei den Republikanern gibt es Richtungskämpfe um die Nachfolge Trumps. Der junge Neonazi Nick Fuentes mischt das rechte Establishment auf.
Von Christoph David Piorkowski
„The Donald“ währt nicht ewig, es kommt eine Zeit danach. Auch im MAGA-Universum scheint die Einsicht zu reifen, dass die Tage des Großimpresarios gezählt sind. An der Spitze der trumpistischen Nahrungskette jedenfalls ist längst schon der Kampf um die Nachfolge entbrannt. Die Frage, wie es weitergeht, wenn Trump erstmal weg ist, betrifft die ideologische Tiefenformation der traditionsreichen republikanischen Partei.
Marco Rubio, aktueller Außenminister, ist im Herzen wohl ein Neocon der herkömmlichen Schule, ein vortrumpistischer Republikaner, steht für interventionistische Außenpolitik, freie Märkte und deutliche Front gegen Russland. Weiter rechts steht der mutmaßliche Kronprinz J.D. Vance, Vizepräsident und Intimfeind von Rubio, der Autokraten rund um den Globus unterstützt, den isolationistischen MAGA-Kurs vorantreibt und dabei ideologisch kohärenter agiert, als sein oft erratischer Boss Donald Trump. Die Gretchenfrage zwischen Rubio und Vance ist auch die der Beziehung zur geplagten Ukraine und mithin ob man diese gegen Russland unterstützt.
Unterhalb der Richtungs-Querelen an der Spitze rumort es indessen auch in Teilen Basis. Vor allem unter jüngeren Republikanern geht der Kurs oft noch sehr viel weiter nach rechts, ins Gefilde der „White-Supremacy“-Szene. Hier gilt nicht nur der Neocon Rubio als Verräter, sondern auch der MAGA-Mega-Star J. D. Vance.
Der Mann, hinter dem sich eine zunehmend verrohte republikanische Jugend versammelt, ist der Rassist und Antisemit Nick Fuentes. Sein Label lautet „Amerika First“ und ist als Konkurrenzprojekt zu „MAGA“ konzipiert – das heißt, dazu gedacht, die Bewegung zu spalten. Fuentes, ein bekennender Bewunderer Hitlers, will Schwarze a priori in Gefängnisse sperren, Frauen sollen sich politisch nicht äußern, „die Juden“ seien die klandestinen Herrscher der Welt, man müsse sämtliche Machtsphären von ihnen befreien, und dann im Geiste des französischen Faschisten Charles Murras und der Polit-Idee des „integralen Nationalismus“ ein katholisch-autokratisches Staatswesen bauen. Anders als viele andere Maga-Aktivisten verbirgt Nick Fuentes seinen Antisemitismus nicht hinter den üblichen kulturellen Chiffren, spricht nicht nur von „Deep State“ oder „Globalisten“, sondern von „den Juden“ als Geißel der Menschheit.
In strategischer Manier extremistischer Akteure, geht es Fuentes nun zuallererst darum, das eigene Lager von Verrätern zu säubern, bevor man dann gegen die Linke zu Felde ziehen könne, um schließlich die Vorherrschaft der Weißen zu sichern. So hat Funtes‘ „Groypers“ genannte Entourage wiederholt republikanische Happenings gestört. Von diesen als „Groyper-Wars“ bezeichneten Ereignissen blieb auch Fuentes‘ Feind Charlie Kirk nicht verschont, dessen Pro-Zionismus er inniglich verabscheut.
Auch das republikanische Establishment nämlich wähnt Nick Fuentes von „den Juden“ kontrolliert. Israel, dem zahlreiche Republikaner – teilweise aus geostrategischen Gründen, teils weil die Rückkehr der Juden nach Zion in der Eschatologie vieler Evangelikaler, wie etwa der Neo-Dispensationalisten als heilsgeschichtliche Etappe fungiert – nach wie vor verbunden sind, ist für Fuentes letztlich das Böse in staatlicher Gestalt. Auch hier eifert der 27jährige Faschist den von ihm belobhudelten Vorbildern nach. Schon Eugen Dühring, einer der Begründer des modernen Rasse-Antisemitismus erklärte, mit Israel bekäme „das, was sich über die Welt hinschlängelt eine Art Kopf“ und würde die Welt noch umfassender „einschlängeln“. Bei dem NS-Ideologen Alfred Rosenberg wird das potenzielle „Zion“ als „neues Aufmarschgebiet für Weltbewucherung“ gebrandmarkt. Und Adolf Hitler nannte das Projekt eines jüdischen Staates im britischen Mandatsgebiet Palästina „die letzte vollendete Hochschule ihrer internationalen Lumpereien“.
Fuentes, der Hitler einen „really cool Guy“ findet, sieht nicht nur die Konfliktlinie Russland-Ukraine als einschlägigen Spaltpilz des „Konservatismus“, sondern ungleich stärker noch die Israel-Frage. Jüdische Republikaner sowieso, doch auch christlich geprägte Zionisten werden von ihm als Feinde markiert.
Nun könnte man den Mann schlicht als randständig abtun, und für weite Teile der Republikaner ist er auch eine Persona non Grata. Und doch hat er mit der AFPAC ein Gegenformat zur rechten CPAC-Veranstaltung geschaffen. Zudem hat der trumpistische Multiplikator Tucker Carson ihn in seiner populären Show zwei Stunden affirmativ interviewt, auch Tucker Carlson schimpft auf Israel und die Zionisten, seit sein vormaliges Lieblingsthema Russland-Ukraine inzwischen nicht mehr ganz so viele Zuschauer zieht.
Dem daraufhin vielfach kritisierten Moderator wurde vom (Ex)-Präsidenten der Heritage-Foundation, dem wohl wichtigsten Think Tank der Republikaner, prompt sehr prominent der Rücken gedeckt – man dürfe sich dem Druck der „Globalisten“ nicht beugen. Die „National Taskforce to combat Antisemitism“ beendete die Arbeit mit der Heritage Foundation, und erklärte man wolle in Zukunft auch stärker die „sich im Aufstieg befindlichen Plage des Antisemitismus auf der Rechten“ adressieren.
Fuentes rechtsextremistischer Livestream wird indessen von Millionen verfolgt, und Donald Trump, der von dem rechten Parvenü mal gelobt und dann auch wieder heftig angegangen wird, hält sich selbst mit Kritik an dem Youngster zurück. Einige Beobachter deuten das so, dass Trump den offenen Konflikt lieber meidet, um den radikalen MAGA-Nachwuchs nicht zu verprellen, der Nick Fuentes in Teilen verehrt. Einige nennen ihn schon den neuen Charlie Kirk. In Segmenten der republikanischen Jugend wird Antizionismus dabei zunehmend beliebter, ein Trend, der in der demokratischen Gen Z freilich schon seit Jahren zu beobachten ist. Vielleicht ist Fuentes nur ein Eintagsphänomen. Doch mit der Verrohung der politischen Kultur und den vielfältigen Krisen des Kapitalismus, erstarkt, so zeigt es die historische Erfahrung, auch beinahe notwendig der Antisemitismus. Dieser dräut in den USA nun nicht nur von links, sondern immer schon, und dieser Tage noch einmal verstärkt, auch von einer zunehmend rechteren Rechten.